Havixbeck
Gelungene Gratwanderung

Montag, 05.10.2009, 18:10 Uhr

Havixbeck - Es sind Schlagzeilen wie „Todesengel spritzte Schutzbefohlene zu Tode!“ oder „Altenpfleger erstickten Greisin mit Essen“, die sich eingebrannt haben: Geschichten um Seniorenheime , deren grausame Details später im Prozess meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt werden mussten.

Diesen Stoff, aus dem die Albträume sind, angereichert mit eigenen Erfahrungen, nutzte die junge Autorin Theresia Walser , um das Theaterstück „ King Kong ´s Töchter“ zu schreiben. Ergebnis: das Horrorszenario einer Nacht im Altenheim.

An diesem Wochenende spielte ein Ensemble der Havixbecker Theatergruppe „Das Törchen“ das Stück und machte das Forum zum Seniorenzentrum, in dem starrsinnige Insassen mit bedauernswerten Verfallszuständen ihre Betreuerinnen zur Weißglut treiben.

Die Schauspieler zeigen einerseits die Alten und Todgeweihten in einem Panoptikum erschreckender Trostlosigkeit; andererseits die Hilflosigkeit der jungen Pflegerinnen, die an ihrem Beruf zerbrechen: Berta, Carla und Meggie, drei attraktive pervertierte Teufelinnen, selbst ernannte „Chef-Disponentinnen des Todes“ - von den debilen Alten nur als „Kellnerinnen“ erkannt und gerufen. Dazu drei alte Frauen, vier alte Männer und ein junger Stromer (Simon Bergmoser) in einer Nacht zwischen Inkontinenz und Dekadenz, bizarren Sexsehnsüchten und abartiger Gemeinheit.

Die Sprache, der Theresia Walser sich bedient und die Regisseur Ralf Melzow von den Schauspielern verlangt variiert kichernd und sabbernd zwischen fäkaler Brutalität und pechschwarzem Humor. Der Tod gehört zum Nachtdienst, wenn auch grotesk verschleiert, abgründig, hart und geschminkt, virtuos zelebriert.

So was hat Havixbeck noch nicht gesehen. Auf den Gesichtern der älteren Zuschauer spiegelte sich das Grauen wider. Wohl mit der Ungewissheit: Was kommt auf mich eines Tages zu? Auch wenn manches zum Lachen schien, blieb die Erkenntnis: Wenn das Theater im Forum Realität wäre, hätte man sofort die Polizei rufen müssen. Erschütternd!

Schwer zu sagen, wer seiner Rolle am besten gerecht wurde. Johanna Schuppert, Luise Janning und Daniela Rosendahl, die drei Todesengel hinter ihren hübschen Larven? Oder die Opfer: Frau Tormann (Hildegard Erfeld), Fräulein Greti (Helena Schmitz), Herr Albert (Wolfgang Ueffing), Herr Nübel (Erwin Woltering), Herr Schwan (Jakob Sawatzky)?

Blieben noch zwei, die der Gratwanderung zwischen bizarrem Humor und schamloser Grausamkeit Halt gaben: Susanne Westhoff in der Rolle ihres Lebens als Frau Albert und Wilfried Brüggemann (Herr Pott), der dem „Törchen“ zu einem unglaublich beeindruckenden „Tor“ verhalf.

Bleibt die Hoffnung, dass sich das Ensemble auf weitere Aufführungen einigt. Denn: Besseres Theater hat das Forum noch nicht gesehen!

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