Matinee zum Holocaust-Gedenktag
Es geschah auch vor der eigenen Haustür

Havixbeck -

„Nein, das waren damals keine fernen Ereignisse, weit ab von den idyllischen Baumbergen. Was damals geschah, geschah überall, auch hier.

Montag, 28.01.2019, 19:00 Uhr
Dr. Ursula Elsner (l.) stellte am Auschwitztag zwei Fluchtgeschichten vor. Eingeladen hatten sie (v.l.) Dr. Christa Degemann-Lickes (Friedenskreis), Fred Eilers (Gemeinde Havixbeck) und Gunda Mühlenfeld-Anders (VHS).
Dr. Ursula Elsner (l.) stellte am Auschwitztag zwei Fluchtgeschichten vor. Eingeladen hatten sie (v.l.) Dr. Christa Degemann-Lickes (Friedenskreis), Fred Eilers (Gemeinde Havixbeck) und Gunda Mühlenfeld-Anders (VHS). Foto: Robert Hülsbusch

„Nein, das waren damals keine fernen Ereignisse, weit ab von den idyllischen Baumbergen. Was damals geschah, geschah überall, auch hier. Wir wissen, was mit den Bewohnern von Stift Tilbeck geschah. Wir wissen, dass das jüngste Opfer in Havixbeck die kleine Yvonne Gerson war. Sie war vier, als sie mit ihrer Familie deportiert wurde, sie war sechs, als ihr Leben in Auschwitz ausgelöscht wurde.“

Mit eindrucksvollen Worten begrüßte Dr. Christa Degemann-Lickes für den Friedenskreis an der Anne-Frank-Gesamtschule über 40 Havixbecker am Sonntagmorgen zu einer Gedenkfeier aus Anlass des Holocaust-Gedenktages (27. Januar).

Fred Eilers, stellvertretender Bürgermeister, machte in seinem Grußwort deutlich, warum es heute mehr denn je wichtig sei, an das Leid zu erinnern, das der Nationalsozialismus ( NS ) über Deutschland und ganz Europa brachte: „Die aufkeimenden nationalistischen Tendenzen zwingen uns dazu, mehr über Grenzen hinweg zu reden.“ Auch das Wachhalten der Erinnerung an die Zeit gehöre dazu.

Dr. Ursula Elsner, Literaturwissenschaftlerin, stellte in ihrem Vortrag zwei Fluchtgeschichten aus zwei Romanen von Anna Seghers vor: Die Flucht des Häftlings Georg Heisler aus dem Konzentrationslager (KZ) Westhofen und die Flucht des KZ-Scharführers Zillich, der nach dem Ende des Nationalsozialismus zunächst unerkannt in seinem Heimatdorf blieb, später aber aus seiner Heimat floh, weil ehemalige Lagerinsassen in ihm den grausamen Verbrecher aus dem KZ Westhofen erkannten.

In ihren Roman „Das siebte Kreuz“ zeige Anna Seghers am Beispiel des fliehenden Häftlings Heisler, dass nicht nur Juden in den Konzentrationslagern eingesperrt, gefoltert und getötet wurden: „Dass es gerade in den ersten Jahren der NS-Diktatur vor allem „Politische“ traf, Kommunisten, SPD- und Gewerkschaftsmitglieder, und dass auch Sinti und Roma sowie Homosexuelle eingesperrt wurden, ist manchem offenbar bis heute nicht bewusst.“

Und noch etwas werde in dem Roman deutlich: Es gab damals auch ein anderes Deutschland, Menschen, die nicht Nationalsozialisten waren, die nicht mitliefen, die nicht wegschauten, sondern die Verfolgten halfen, ein geheimes Netzwerk bildeten, Pässe fälschten, Schiffspassagen möglich machten. Elsner: „In berührender Weise zeigt der Roman Menschen finden den Mut zu helfen, weil sie dadurch ihre Menschlichkeit bewahren oder zurück gewinnen konnten, Werte, die unter dem NS abhandengekommen waren.“

In Seghers Erzählung „Das Ende“ wird der ehemalige KZ-Aufseher Zillich vom Jäger zum Gejagten. Der ehemalige Häftling Kurt Volpert trifft und erkennt ihn. Der KZ-Scherge flieht. Er fühlt sich als Opfer, gibt sich selbst als ehemaliger Häftling aus, zieht „von Rattenloch zu Rattenloch.“

Die Literaturwissenschaftlerin: „Er ist nicht fähig, sicher seiner Verantwortung zu stellen, Schuld einzugestehen, Reue zu üben, damit sind ihm Vergebung, Integration oder gar ein Neubeginn versagt.“ Schließlich erhängt sich Zillich. Sein Sohn nimmt die Nachricht vom Tod seines Vaters mit Erleichterung, gar mit Freude auf, berichtet Robert Hülsbusch vom Friedenskreis.

Am Ende der Matinee erzeugte Manfred Wordtmann einen ruhigen musikalischen Klangteppich, fein hineingewebt die Ansätze einer Melodie des Kinderliedes „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg“.

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