Sommerserie: Führungen im Münsterland – mal anders
Umarmungen gibt's spontan dazu

HaVixbeck -

Führungen durch das Stift Tilbeck sind fröhlich. Sie machen nachdenklich, auch den Kopf frei. Sie geben Inspiration. Reinhard Nieweler ist von Hause aus Sozialarbeiter und Sozialpädagoge. Er ist im Stift Tilbeck aber auch Ehrenamtskoordinator – mit Leib und ganzer Seele. Die Führungen durchs Gelände gehören zu seinen Aufgaben. Heinz Rütering ist der Zweite im Bund.

Freitag, 09.08.2019, 07:00 Uhr
Hier besucht ein Familienkreis aus Altenberge gerade das Stift Tilbeck und nimmt an einer der angebotenen Führungen teil.
Hier besucht ein Familienkreis aus Altenberge gerade das Stift Tilbeck und nimmt an einer der angebotenen Führungen teil. Foto: Stift Tilbeck

Gar keine Frage: Das hier ist ein lebender, ein lebendiger Organismus. Nein, nicht allein deshalb, weil Kinder auf einem riesigen Luftkissen ausgelassen toben. Nein, auch nicht ausschließlich deshalb, weil gerade eine Bewohnerin Besucher, die sie auf den ersten Blick ganz offensichtlich ziemlich sympathisch findet, begrüßt – und spontan umarmt. Nein, dieses Stift Tilbeck, das ja zumindest in der Region irgendwie jeder kennt, ist auch für sich allein genommen ein lebendiger Organismus – einer, der sich stetig verändert. Seit mehr als einem Jahrhundert tut er das. Mal wird diese Lebensquelle größer. Mal müssen Bewohner und Mitarbeiter und Angehörige Abschied feiern – traurige Abschiede, wie 2016, als die Franziskanerinnen das Stift für immer verließen. Aber es gibt auch schöne Ereignisse. Natürlich gibt es die. Viele. „Das nächste Ziel ist ein Neubau mit 24 Wohnplätzen in Appelhülsen“, verrät Reinhard Nieweler an diesem milden Sommernachmittag im August 2019 einer Besuchergruppe, die aus Dülmen-Buldern kommt und sich für eine Führung angemeldet hatte. Reinhard Nieweler und Heinz Rütering sind es, die regelmäßig Führungen durchs Stift Tilbeck leiten – mit Herzblut. Nieweler ist Sozialarbeiter und Sozialpädagoge, ein Urgestein des Stifts. Er ist auch Koordinator für das Ehrenamt. Heinz Rütering ist Mitglied des Freundeskreises Stift Tilbeck, zu Hause ist er in Schapdetten.

Reinhard Nieweler, Koordinator Ehrenamt und Ombudsmann im Stift Tilbeck, führt oft Gruppen über das Gelände und auch in die Kapelle oder den Turm.

Reinhard Nieweler, Koordinator Ehrenamt und Ombudsmann im Stift Tilbeck, führt oft Gruppen über das Gelände und auch in die Kapelle oder den Turm. Foto: Bettina LaerbuschR

Jetzt gerade steht Reinhard Nieweler in der Kapelle des Stifts. Seine Gäste sitzen in den Bänken. Es ist auffällig warm in diesem Gotteshaus, so, als ob jemand die Heizung angedreht hätte. Doch es kann nur die seit Wochen starke Sonneneinstrahlung durch die bunten Fenster der Kapelle sein, die den Raum so erwärmt hat. 1899 wurde diese Kapelle eingeweiht. Reinhard Nieweler erzählt aus der Geschichte des Stifts, ohne dabei das Hier und Jetzt zu verlassen. Er erzählt vom Mahnmal „Der Engel mit gebrochenen Flügeln“, das es seit 2001 auf dem Gelände gibt. „Wir pflegen die Erinnerungskultur, auch wenn die AfD“, der Name Höcke fällt, „das für unnötig hält.“ Ruhig sagt Nieweler diesen Satz. Ruhig, aber unmissverständlich. 228 Menschen mit Behinderungen wurden unter Hitler von den Nationalsozialisten aus Stift Tilbeck deportiert und ermordet. „Wir halten das wach – und das ist gut so.“

Eine achte Klasse der Friedensschule Münster steht und hockt hinter dem Mahnmal „Der Engel mit gebrochenen Flügeln.“

Eine achte Klasse der Friedensschule Münster steht und hockt hinter dem Mahnmal „Der Engel mit gebrochenen Flügeln.“ Foto: Stift Tilbeck

Schülerinnen und Schüler nehmen immer wieder an einer Führung teil – Schüler der Friedensschule in Münster zum Beispiel oder des Anne-Frank-Berufskollegs. Ein Familienkreis aus Altenberge war da. Jeder ist willkommen. Auch Einzelpersonen oder Paare können sich anmelden. „Ich würde ihnen dann wahrscheinlich anbieten, zu einer Gruppe dazuzukommen“, sagt Nieweler im Gespräch mit unserer Zeitung kurz vor der Führung. Eine Gruppenführung kostet 30 Euro, die gespendet werden für das Stift.

Zurzeit leben 200 Menschen mit Behinderung dort, weitere 250 wohnen in einer der 18 Außenwohnhäuser. 450 Menschen, die nicht allesamt aus einer der beiden gerade genannten Gruppen kommen, arbeiten in den Werkstätten des Stifts. Darüber hinaus wohnen 100 Mitarbeiter auf dem Gelände.

Ein Ausflug dorthin tut gut. Die Atmosphäre ist entspannt. Hier kann der eigene, beanspruchte Kopf mal ein bisschen leer werden. Vielleicht erweitert sich der eigene Horizont ja sogar ein bisschen. Seit sechs Jahren gibt es eine Kaffeerösterei auf dem Gelände. Das angeschlossene Café ist modern. Besucher und Bewohner sitzen zusammen oder auch nebeneinander. Die Münsterlandschule gehört zu diesem lebendigen Organismus. Sie ist 2018 zehn Jahre alt geworden. Menschen mit und ohne Behinderung können hier bis zum Abitur unterrichtet werden. Zwei Unternehmer haben diese Schule gegründet; der Anteil der Schüler mit Behinderung ist überdurchschnittlich hoch. Auch die Bezirksregierung ist im Stift Tilbeck präsent: Im Regionalen Fortbildungszentrum für Inklusion – was nicht anderes als Einschluss heißt – werden Lehrer fortgebildet.

 

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