Von Afrin nach Havixbeck
Ein holpriger Weg ins Glück

Havixbeck -

Deldar Hasan hat in Havixbeck seine neue Heimat gefunden. Geboren ist er 3700 Kilometer weit entfernt, im syrischen Afrin bei Aleppo. Deldar ist 20 Jahre alt und seit Oktober 2015 in Deutschland.

Samstag, 09.11.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 10.11.2019, 16:38 Uhr
Deldar Hasan lebt seit rund vier Jahren in Deutschland. In Havixbeck hat der Syrer eine neue Heimat gefunden.
Deldar Hasan lebt seit rund vier Jahren in Deutschland. In Havixbeck hat der Syrer eine neue Heimat gefunden. Foto: Luis Wahlers

Morgens fährt Deldar nach Coesfeld, um seinen Realschulabschluss im Fachbereich Wirtschaft und Verwaltung zu machen. Nächstes Jahr tritt er seine Ausbildung zum Großhandelskaufmann an. „Ich wollte Automechatroniker werden, doch die Schule war mit der neuen Sprache zu schwer für mich”, erzählt er über seinen Traumberuf. Die Sprache ist oft ein Hindernis: „Gerade in den ersten zwei Jahren hatte ich große Deutschprobleme, auch das Lesen und Schreiben fiel mir schwer, wir lesen von rechts nach links, ihr andersherum – und auch die Schrift ist ganz anders.”

Deldar ging zunächst auf die Anne-Frank-Gesamtschule und kam dort in die neunte Klasse. In Syrien ist er nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gegangen. „Dann gab es Krieg und man hatte Angst, zur Schule zu gehen. Ich wusste nicht, ob ich von der Schule wieder nach Hause komme.” In den ersten Monaten auf der AFG habe er „nur Bahnhof verstanden, da ich kein Wort Deutsch sprach”. Doch Deldar stieß auf Solidarität: „Mir hat ein Mädchen aus dem Libanon geholfen, zu schreiben, und meine Lehrerin gab mir Aufgaben, um mein Deutsch zu verbessern. Das hat mir sehr geholfen, dafür bin ich dankbar.” Einen Abschluss hat er auf der AFG nicht gemacht. „Da ich kaum Deutsch sprach, war das zu schwer für mich.”

Auch für seinen Führerschein hat er sprachliche Hürden überwinden müssen. Diesen hat er auf Arabisch gemacht. „Meine Muttersprache ist aber Kurdisch, Arabisch habe ich in der Schule gelernt, wir durften nicht kurdisch sprechen, sonst kam die Polizei. Das war sehr rassistisch”, erinnert sich Deldar. Mit seiner Muttersprache ist er nirgends zu Hause.

Er geht damit jedoch gelassen um und lernt täglich nach der Schule vier Stunden lang Deutsch, schaut mit seinen jüngeren Geschwistern deutsches Fernsehen und redet auch mit kurdischen Freunden Deutsch. Nach dem Lernen begleitet er seinen Bruder zum Fußball in Nottuln und trifft sich Abends mit Freunden oder feuert Barcelona und Bayern München in der Champions League an.

Doch Deldars Wurzeln liegen in Syrien. Bevor die Familie sich in Havixbeck ein neues Leben aufbauen konnte, hat sie ihre Heimat, Freunde und Teile der Familie verlassen, um aus einem Krieg zu fliehen, mit dem sie sich nicht identifizieren konnten und der ihr Zuhause nicht mehr lebenswert machte. Von Aleppo floh die Familie nach Afrin. „Man konnte in Aleppo nicht mehr leben, es flogen Bomber über die Stadt und haben rings um unsere Wohnung alles in Schutt und Asche gelegt, die Wohnungen wurden geplündert. In den Straßen habe ich mit eigenen Augen tote Menschen mit abgetrennten Gliedmaßen gesehen”, berichtet der damals 15-jährige Deldar. Als Soldaten ihm Geld und Zigaretten anboten, damit er mitkämpft, floh Deldar mit seiner Familie: „Das ging auf keinen Fall.” Mitgenommen haben sie nichts, es ging ums nackte Überleben.

Zunächst ging es nach Izmir in der Türkei und dann mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Griechenland. Deldar erzählt, wie sich 45 Flüchtlinge in dem kleinen Boot drängten: „Man hat das Gefühl zu ersticken, man kann nichts sagen, und es tut weh, weil es so eng ist. Die Handys wurden ausgeschaltet, damit wir nicht geortet werden konnten. Keiner wusste, ob wir lebend ankommen.” Hilfe habe man seitens der EU nicht bekommen.

In Griechenland angekommen, ging es mit Bus oder Zug über den Balkan nach Deutschland. „Wir wollten nach Deutschland, dem Herz von Europa, hier ist der Lebensstandard sehr gut. Wir sind dann meiner Schwester nach Havixbeck hinterhergezogen”, berichtet Deldar. Geschlafen hat die Familie zunächst in Sporthallen oder bei Verwandten, bis sie eine kleine Wohnung im Flothfeld gefunden hatte.

Die Dankbarkeit über den Neuanfang in Deutschland und den Umgang mit ihm und seiner Familie ist groß: „Heimweh habe ich nicht, ich will nicht zurück. Ich bin sehr glücklich in Deutschland und dafür sehr dankbar, Deutschland hat die Tür für uns aufgemacht, und die Menschen begegnen uns freundlich.”

In seiner Freizeit liest Deldar sich das Grundgesetz durch, um zu verstehen, wie Deutschland tickt: „In Politik hatte ich im letzten Jahr eine Zwei, das interessiert mich sehr”, ist er stolz. In die Moschee gehen er und seine Familie seit dem Anschlag von Christchurch nicht mehr, das sei zu gefährlich. „Doch insgesamt geht es mir sehr gut hier. Zurück möchte ich nicht, auch wenn meine Gedanken stets in Afrin sind.”

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7051391?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F162%2F
Kampf gegen Plastikfolie und Einwegbecher
Einwegverpackungen sollen reduziert werden.
Nachrichten-Ticker