Stift Tilbeck
Mit Herzblut für die Welt einstehen

Havixbeck -

Neu weiße Gewänder aus Tüll, an einem gespannten Stacheldraht befestigt, hängen von der Decke der Kapelle des Stifts Tilbeck. Beim Einführungsgottesdienst in die Kunstinstallation „Herzblut“ von Ruth Blanke gab es eine Interpretation.

Sonntag, 01.03.2020, 19:24 Uhr aktualisiert: 01.03.2020, 19:30 Uhr
In der Kapelle des Stifts Tilbeck ist die beeindruckende Kunstinstallation „Herzblut“ zu sehen.
In der Kapelle des Stifts Tilbeck ist die beeindruckende Kunstinstallation „Herzblut“ zu sehen. Foto: Kerstin Adass

„Als Ruth Blanke fragte, ob sie bei uns in der Kapelle eine Installation machen könne, haben wir sofort zugestimmt – ohne zu wissen, was da auf uns zukommen würde.“ Besagte Installation in der Kapelle des Stifts Tilbeck, auf die sich Subsidiar Hermann Kappenstiel am Sonntag während des Einführungsgottesdienstes bezog, habe ihn zunächst etwas befremdet. „Aber von dieser Befremdung ist jetzt nichts mehr übrig“, versicherte Kappenstiel.

Das Werk der münsterischen Künstlerin Ruth Blanke besteht aus neun weißen Tüllkleidern, die in Dreiergruppen an einem quer über den Kirchenraum gespannten Stacheldraht befestigt sind. Der Blickfang auf den halbtransparenten Kleidern ist eine rote Feder auf der linken Brust – dort, wo sich beim Träger oder bei der Trägerin das Herz befinden würde. Passend dazu trägt das Werk den Namen „Herzblut“.

Ruth Blanke erläuterte zur Universalität der Installation: „Genau genommen sind es Gewänder. Jeder könnte sie tragen.“ Mit der Wahl der Kleidungsstücke wolle sie niemanden ausschließen, betonte die Künstlerin. Während die Zahl neun als Symbol für Anfang und Ende steht, möchte Blanke mit dem Tüll ein „Zeichen für Transparenz und Toleranz“ setzen.

Auch mit der Frage der Nachhaltigkeit hat sich Ruth Blanke bei ihrer Arbeit beschäftigt. Die Kleider stammen aus einer ihrer alten Kircheninstallationen in Münster. „Jetzt sehen sie aber ganz anders aus“, verriet die Künstlerin. Durch feinen Silberdraht, der kaum sichtbar am Saum der Kleider eingearbeitet wurde, wirkt das Kunstwerk zugleich ruhig und gespenstisch – so, als sei es mitten in der Bewegung eingefroren worden.

„Was ich denke, ist nicht wichtig. Ich habe die Installation nur gemacht und will damit zum Denken anregen“, erklärte Blanke im anschließenden Gespräch mit einigen Besuchern des Gottesdienstes. Auch Hermann Kappenstiel hatte sich viele Gedanken über „Herzblut“ gemacht. Der Subsidiar ging während der Messe auf die Mehrdeutigkeit verschiedener Details der Installation ein. „Rot: Die Farbe der Liebe, die Farbe des Blutes, die Farbe der Märtyrer“, interpretierte er die roten Federn an den weißen Kleidern. Zur Befestigungsmethode, welche die Künstlerin verwendet hatte, sagte Kappenstiel: „Manchmal müssen wir uns schützen, und manchmal nehmen wir dafür Stacheldraht. Aber damit riskieren wir, dass Menschen, die unsere Grenzen nicht sehen, verletzt werden. Was uns schützt, kann andere verletzen.“

Auch der Titel der Installation kann mehrdeutig verstanden werden. Ein blutendes Herz ist meist negativ konnotiert: Als Symbol steht es für einen psychischen Schmerz, wörtlich genommen kann es lebensgefährlich sein. Trotzdem wird „Herzblut“ auch synonym für Leidenschaft oder Hingabe als ein positiver, lebensbejahender Begriff verwendet. „Diese Installation soll uns daran erinnern, dass wir in einer schönen, aber auch leidvollen Welt leben, für die es sich lohnt, mit Herzblut einzustehen“, fasste Hermann Kappenstiel seine Interpretation zusammen.

Ruth Blanke zeigte sich tief berührt von der Resonanz der Anwesenden auf ihr Werk. Einige stellten der Künstlerin nach dem Gottesdienst Fragen und teilten ihre Gedanken zu „Herzblut“ mit. Für Blanke war es auf der Suche nach einem geeigneten Ort wichtig, eine inklusive Kirche zu finden, welche die alltägliche Gesellschaft abbildet – „eine Kirche, in der das verletzte und verletzbare Leben Raum findet“, wie Subsidiar Kappenstiel es formulierte.

Mit der Ortswahl für ihre dritte Kircheninstallation ist die Künstlerin rundum zufrieden. „Schon während des Gottesdienstes habe ich gedacht: Hier bin ich an der richtigen Stelle.“

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