Bahnstrecke durch die Baumberge brachte die Wende
Anschluss an den Weltverkehr

Havixbeck -

Die Geschichte der Baumbergebahn haben Heribert Lülf, Richard Vespermann und Heinz Peirick in einem Buch niedergeschrieben. In einer Reihe mit unserer Zeitung geben die Autoren einen kleinen Abriss.

Sonntag, 05.04.2020, 19:52 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 12:46 Uhr
Noch während der laufenden Bauarbeiten entstand 1907 diese Postkarte vom Bahnhof in Havixbeck.
Noch während der laufenden Bauarbeiten entstand 1907 diese Postkarte vom Bahnhof in Havixbeck. Foto: Sammlung Heribert Lülf

Die Baumbergebahn verbindet Havixbeck mit Münster in der einen sowie Billerbeck und Coesfeld in der anderen Richtung. Doch in ihren Ursprüngen führte die Eisenbahnlinie noch über Coesfeld hinaus bis Empel-Rees am Niederrhein. Die Geschichte dieser Nebenbahn haben Heribert Lülf, Richard Vespermann Heinz Peirick in einem Buch niedergeschrieben. In einer Reihe mit unserer Zeitung geben die Autoren einen kleinen Abriss.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Diesen Eindruck mussten viele Gemeinden haben, die noch um 1880 keinen Anschluss an das Eisenbahnnetz bekommen hatten. Waren sie doch schon zuvor durch das Fehlen großer Handelsstraßen oder schiffbarer Flüsse in ihrer Entwicklung stark eingeschränkt gewesen, bedeutete das Ausbleiben des Bahnanschlusses den sicheren Todesstoß für manch kleines Dorf und manch kleines Städtchen im Münsterland, im Achterhoek und in der Twente.

„Abgeschnitten vom Weltverkehr“ sei man, beklagte ein Leserbriefschreiber 1890 im Billerbecker Anzeiger. Während man von Münster aus in wenigen Stunden Hamburg, von Borken aus mit einmaligem Umsteigen in Winterswijk Amsterdam erreichen konnte, die Textilindustrie in Ahaus, Gronau, Enschede, Hengelo, Bocholt und Borken boomte, musste man in den abseits gelegenen Dörfern Waren nach wie vor mit dem Pferdefuhrwerk transportieren. Wer es sich leisten konnte, ritt kurze Distanzen mit dem Pferd oder nahm die Kutsche. Alle anderen gingen zu Fuß.

Während die Gemeinden mit Bahnanschluss florierten, stagnierte die Entwicklung in den abseits gelegenen Dörfern und Städten. Die Einwohnerzahl sank durch Ab- und auch Auswanderung, neue Betriebe entstanden kaum.

Münster hatte bereits 1848 seinen ersten Bahnhof erhalten. Bis 1865 waren das westliche Münsterland und der Achterhoek zumindest umrahmt von Eisenbahnstrecken. Private Investoren, allen voran viele Textilindustrielle aus dem deutsch-niederländischen Grenzraum, iniziierten den Bau der querenden Strecken von Dortmund über Coesfeld nach Enschede (1875), von Wesel nach Bocholt (1878) und von Gelsenkirchen über Borken nach Winterswijk beziehungsweise von Winterswijk nach Bocholt (jeweils 1880). Mit der Inbetriebnahme der Strecke Duisburg – Coesfeld – Quakenbrück im Jahre 1879 wurde Coesfeld sogar zum Eisenbahnknotenpunkt.

Die privaten Bahngesellschaften orientierten sich beim Bau der Strecken an Gewinnerwartungen und nicht an allgemeinen Verkehrsbedürfnissen. Viele kleinere Gemeinden hatten sich vergeblich um einen Bahnhof oder zumindest einen Haltepunkt oder eine Güterladestelle bemüht.

Während im Achterhoek und in der Twente in den Jahren nach 1880 noch ein dichtes Netz normalspuriger und auch schmalspuriger Eisenbahnen entstand, stagnierte die Entwicklung im Land Preußen. Private Investoren fanden sich hier nicht mehr.

Erst 1897 beschloss schließlich der preußische Landtag den Bau einer Eisenbahn von Empel bei Rees über Bocholt, Borken und Coesfeld nach Münster. Die Strecke war von Anfang an als Nebenbahn projektiert. Da reichte ein einfacher Oberbau mit geringer Achslast. Enge Kurven und auch Steigungen wurden in Kauf genommen. Eine Sicherung der 190 Bahnübergänge zwischen Empel und Münster durch Schrankenposten war nicht vorgesehen. Die Anliegergemeinden hatten sich an den Kosten zu beteiligen bzw. Grund- und Boden zur Verfügung zu stellen.

An der 110 Kilometer langen Neubaustrecke entstanden 16 neue Bahnhöfe, zwei Haltepunkte und eine Güterladestelle in Bombeck auf dem Kamm der Baumberge. Dass die Nebenbahn die Kosten für den Betrieb oder sogar einen Gewinn erwirtschaften könnte, war von vornherein eher unwahrscheinlich. Strecken dieser Art dienten vorrangig der Erschließung der Fläche und ermöglichten endlich den Anschluss an den Weltverkehr.

 

Heribert Lülf, Heinz Peirick, Richard Vespermann: „Abgeschnitten vom Weltverkehr“ – Die Geschichte der Strecke Empel – Bocholt – Borken – Coesfeld – Münster. 132 Seiten, circa 180 Abbildungen, ISBN 978-3-946594-18-5, 26,80 Euro. Erhältlich im Buchhandel.

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