Gedanken zum Volkstrauertag von Bürgermeister Jörn Möltgen
„Zivilcourage ist kein bloßes Wort“

Havixbeck -

Zum Volkstrauertag legte Bürgermeister Jörn Möltgen gemeinsam mit der stellvertretenden Bürgermeisterin Gisela Weitkamp einen Kranz am Ehrenmal an der Schulstraße nieder. Da die öffentliche Gedenkveranstaltung ausfallen muss, formulierte der Bürgermeister seine „Gedanken zum Volkstrauertag“ in schriftlicher Form.

Sonntag, 15.11.2020, 06:00 Uhr
Legten am Freitagnachmittag einen Kranz am Ehrenmal an der Schulstraße zum Volkstrauertag nieder: Gisela Weitkamp, stellvertretende Bürgermeisterin, und Bürgermeister Jörn Möltgen.
Legten am Freitagnachmittag einen Kranz am Ehrenmal an der Schulstraße zum Volkstrauertag nieder: Gisela Weitkamp, stellvertretende Bürgermeisterin, und Bürgermeister Jörn Möltgen. Foto: Klaus de Carné

Wozu sind Kriege da? Diese Frage habe ich mir als Kind gestellt und nie eine nachvollziehbare Antwort bekommen. Krieg bedeutet immer die Kapitulation vor jeglicher Menschlichkeit. Fast als rede man über Jahreszeiten, sprechen wir dann darüber, dass der „Krieg zu Ende gehe“ oder „Der Krieg bricht aus“. So selbstverständlich nehmen wir heute das Morden in der Welt hin, sehen es in den Medien, schütteln den Kopf und gehen unserem Tagesgeschäft nach.

Wir sollten es aber besser wissen. Kein Krieg bricht aus wie ein Vulkan oder ein Fieber. Menschen verantworten den Krieg. In der Nachkriegszeit wurden die Älteren mit der Frage konfrontiert, „wie konntet Ihr das zulassen, wie konnte das geschehen?“ Obwohl die Menschheit nach den Weltkriegen gerufen hat „Nie wieder Krieg“, hat es seitdem immer wieder und immer mehr Kriege gegeben, auch bei uns in Europa und an den europäischen Grenzen.

Und wieder werden die Fragen gestellt werden: „Wie konnte das geschehen, warum habt ihr das zugelassen?“ So werden Leute, die heute Kinder sind, später einmal mit Recht fragen. Die Zuschauer wie die Schuldigen werden dann wieder versuchen zu verdrängen, zu bagatellisieren oder zu vertuschen. Daher kommt dem heutigen Tag eine doppelte Bedeutung zu: Gedenken und Mahnung.

Dabei sollten wir innehalten und uns vor Augen halten, wie sich uns die Welt – gut ein Jahrhundert nach den ersten Schüssen des Ersten Weltkrieges – heute darstellt: Die Kämpfe in der Ukraine und auf der Krim, der seit Jahren anhaltende blutige Bürgerkrieg in Syrien, die militärische Eskalation im Gazastreifen, die Schreckensherrschaft der Terroristen des Islamischen Staats, sie sind nur die hervorstechendsten Beispiele einer Welt, in der nach wie vor viel zu viele Menschen Opfer von Krieg, Terror und Blutvergießen sind.

Die Zahl dieser Opfer ist unüberschaubar. Jeder einzelne Tote hatte seine Familie und seine Freunde, die um ihn trauern. In diesem persönlichen Schmerz wird uns die Tragweite des heutigen Tages bewusst. Wozu sind Kriege da?

Wir werden diese Niederlage des menschlichen Geistes, wie Henry Miller es einmal gesagt hat, wahrscheinlich nie begreifen. Wir müssen aber daraus lernen. Wir müssen darauf achten, dass wir rechtzeitig erkennen, wenn Bürgerrechte ausgehöhlt und Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wir dürfen menschlichem Leid gegenüber nie gleichgültig sein – und zum Tagesgeschäft übergehen – und müssen dort mutig einschreiten, wo Mitmenschen unsere Hilfe brauchen.

Zivilcourage ist kein bloßes Wort, es ist das Lebenszeichen einer menschlichen Gesellschaft. Das Fragen nach dem „Warum“ darf nie aufhören, das ist unsere Pflicht. Warum werden Kriege geführt? Was bewegt Politiker dazu, das eigene Volk in bewaffnete Konflikte zu führen, sie zu opfern? Ist es die Ablehnung einer anderen Lebensführung? Ist es die erbärmliche Gier nach Bodenschätzen und damit verbundener Macht?

Und was bewegt die Menschen in diesen Ländern, den Absichten der verantwortlichen Politiker Folge zu leisten? Ist es nicht eine falsche Aussage zu behaupten, Staatsführer wären Schuld an einer kriegerischen Auseinandersetzung? Wäre es nicht vielmehr richtig festzustellen, das Volk, wir alle, sind mitverantwortlich an Kriegen, weil wir uns dem nicht entgegengestellt haben?

Haben wir aber aufgrund dieses Sehnens nicht alle die Verantwortung, unsere Politiker anzuweisen, sie müssen verantwortungsvoll handeln? Dass wir auch einen amerikanischen Präsidenten in die Schranken weisen, der innerhalb weniger Monate unsere Welt unsicherer gemacht hat, der durch sein Reden und sein Tun sein eigenes Volk gegeneinander aufwiegelt und dabei vor Unwahrheiten und Manipulation nicht zurückschreckt. Ich finde, das ist unsere tägliche Pflicht, damit sich Geschichte nicht wiederholt.

Wir können die auf den Steintafeln des Ehrenmals mit Namen genannten gefallenen Soldaten, die unter grauenhaften Umständen ihr Leben verloren haben, die mit Sicherheit keinesfalls ihr Leben gern gegeben haben für einen verbrecherischen „Führer“, nicht mehr fragen. Aber ich bin überzeugt, dass sie glücklich und dankbar darüber gewesen wären, wenn damals Menschen diese Entwicklung und diese Kriege verhindert hätten.

Gedenken und Mahnung sind daher wichtig, für uns und unsere Kinder. Denn nicht für die Steintafeln stehen wir heute hier, sondern für die Menschen, deren Schicksale hinter diesen Tafeln stehen!

Jörn Möltgen

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