Lüdinghausen
Kinder klammerten sich noch im Tod aneinander

Seppenrade. Man schrieb den 17. Mai 1911. Der Tag begann mit einem freudigen Ereignis, denn in der Bauerschaft Tetekum, auf dem Hof Cordstroetmann, wurde Hochzeit gefeiert. Morgens läuteten die Glocken an der St...

Samstag, 03.05.2008, 10:05 Uhr

Seppenrade. Man schrieb den 17. Mai 1911. Der Tag begann mit einem freudigen Ereignis, denn in der Bauerschaft Tetekum, auf dem Hof Cordstroetmann, wurde Hochzeit gefeiert. Morgens läuteten die Glocken an der St.-Dionysius-Kirche in Seppenrade, und der Hauptlehrer Johann Flötgen spielte die Orgel, als die Brautleute, beide ehemalige Schüler von ihm, die Kirche betraten. Auch er war eingeladen worden und wollte am Nachmittag noch die Hochzeitsfeier besuchen. Doch zuvor musste er in der Seppenrader Dorfschule an der Mollstraße, wo er 27 Jahre lang gewirkt hatte, seinen Unterricht halten.

Da es an diesem Tag sehr warm war, schlug der engagierte Pädagoge seinen Jungen vor, schwimmen zu gehen. Die Begeisterung war groß, und mittags ging es dann gemeinsam den Seppenrader Berg hinab, durch die Wiese in Hellkuhls Busch, an der Ziegelei vorbei, zu einer der dortigen Kuhlen. Die Kinder streiften sich das neue Badezeug über, das der Lehrer ihnen aus Münster mitgebracht hatte. Diejenigen, die schnell fertig waren, bildeten, sich an den Händen haltend, eine Reihe und gingen ins Wasser. Flötgen stand in der Kuhle und wartete auf die Nachzügler. Schließlich schickte er Heinrich Becker , der zuerst seine Badehose angehabt hatte, um sie zu unterstützen. Einige verharrten jedoch am Rand, weil sie sich nicht ins Wasser trauten.

Heinrich half noch schnell Bernhard Naundrup, und beide wollten gerade ins kühle Nass, als sie entsetzt feststellten, dass in der Kuhle keiner mehr zu sehen war: kein Lehrer, keine Kinder. Dann tauchte plötzlich Theo Ettmann auf, schlug mit den Armen wild um sich und ging wieder unter. Heinrich schrie, so laut er konnte, und die anderen Kinder, die noch am Ufer standen, brüllten auch und rannten Richtung Dorf. In ihrer Verzweiflung riefen sie laut: „Der Lehrer und alle Kinder sind ertrunken!“

Die Menschen, die es hörten, hasteten bestürzt zur Kuhle. Heinrich aber lief geistesgegenwärtig erst zur nahen Ziegelei, um Hilfe zu holen. Der dortige Meister war prompt mit einer langen Latte zum Wasser geeilt. Es gelang ihm noch, den kleinen Hugo Mense herauszuziehen. Dessen Bruder aber war zu weit vom Ufer weg und versank unter den entsetzten Augen des Rettungswilligen.

Indes machte sich der Vikar aus Seppenrade auf den Weg – einem seiner schwersten Wege, wie er später meinte – zur Hochzeitsgesellschaft nach Tetekum. Auf Cordstroetmanns Hof wurde zu diesem Zeitpunkt noch ahnungslos gefeiert, Doppelkopf gespielt, gegessen – bis der Vikar auf den Hof kam, die Eltern der Kinder zu sich rief und die schlimme Nachricht überbrachte.

Im Dorf verbreitete sich die Unglücksnachricht mit großem Schrecken: Die Angst ging um, und viele Eltern fragten sich: „Ist unser Kind auch dabei?“ Fassungslose Mütter durchsuchten die abgelegten Sachen am Ufer der Kuhle und wussten dann, dass ihr Kind tatsächlich unter den Opfern war. Die endgültige Gewissheit kam, als einige Männer mit einer langen Eisenstange die ertrunkenen Kinder und Lehrer Flötgen aus dem Wasser bargen.

Überlieferte Augenzeugenberichte bekräftigen, dass der Lehrer keine Chance zur Rettung hatte, da sich die Kinder in ihrer Todesangst fest an ihn geklammert hatten: Einige hätten sich noch im Tode an den Händen festgehalten.

Der Lehrer und die sieben Jungen wurden in Seppenrade auf dem Friedhof an der Dattelner Straße (jetzt „Alter Friedhof“) beigesetzt. Noch heute erinnert dort eine Gedenktafel an diesen „Unglückstag von Seppenrade“.

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