Lüdinghausen
Gesetzeslücke kostet 33 Euro pro Packung

Donnerstag, 30.10.2008, 06:10 Uhr

Lüdinghausen . Wer ein behindertes Kind hat, lernt die Fallstricke der Gesundheitspolitik kennen. Der Papierkrieg ist enorm und wird immer umfangreicher. Anita und Andreas Fels kennen sich mittlerweile in dieser Materie aus. Aber das Wissen führt auch dazu, dass sie langsam an dem System zweifeln. Die jüngste Novelle der Zuzahlungsregelung hat nämlich dazu geführt, dass die Familie in eine Gesetzeslücke geraten ist. Die neuen Festpreis-Regularien für Medikamente verursachen bei Familie Fels eine deutliche Erhöhung der Gesundheitskosten. Das erkennt selbst die Krankenkasse, kann an dieser Situation mit Verweis auf die Gesetzeslage nichts ändern.

Adrian Fels ist 22 Monate alt und von Geburt an schwerstbehindert. Dass der Junge derzeit „gesundheitlich stabil“ ist, wie Mutter Anita Fels versichert, hängt auch mit „Nexium mups“ zusammen. Dieses Medikament reguliert die Bildung der Magensäure. Schon seit rund eineinhalb Jahren ist das Kind auf diese Arznei angewiesen, seit dem 1. Juni müssen die Eltern jedoch 33 Euro pro Packung zuzahlen. Die Krankenkassen, in diesem Fall die Betriebskrankenkasse für Heilberufe in Düsseldorf, zahlen nur noch den Festbetrag, der sich auf 65 Euro beläuft. So sieht es auch die Gesetzgebung vor. Als Alternative besteht die Möglichkeit, auf ein anderes Medikament – sogenannte Generika – zurückzugreifen. Doch ein solches „nachgemachtes“ Medikament gibt es im Fall des 22 Monate alten Adrian Fels nicht. „Nexium mups“ kann noch nicht von anderen Herstellern kopiert werden. Hinzu kommt noch das Problem, dass Adrian über eine Magensonde ernährt wird. Medikamente, die „verwandt“ sind, können nicht über diese Sonde verabreicht werden, erläutert Anita Fels die Situation. Und: „Ich lehne es ab, irgendwelche Experimente mit meinem Kind machen zu lassen.“ Die Mutter ist froh, dass das jetzt verwendete Medikament ihrem Kind hilft.

Nun bedeuten 33 Euro derzeit nicht die Welt. Aber Familie Fels geht davon aus, dass die Dosis in Zukunft erhöht werden muss, und dann werden diese 33 Euro häufiger fällig. Aus diesem Grunde hat Anita Fels auch Widerspruch gegen die Ablehnung der Übernahme der Medikamentenkosten durch die Krankenkasse eingelegt. In Hessen hat eine Familie mit einem vergleichbaren Fall weitere juristische Schritte unternommen. Auf den Ausgang dieses Rechtstreits warten die Lüdinghauser jetzt gespannt. Anita Fels fühlt sich als Opfer der derzeitigen Gesundheitspolitik, denn auch das Clemenshospital in Münster hat mittlerweile bestätigt, dass Adrian auf dieses (teurere) Medikament angewiesen ist. Alternativen gebe es nicht.

Die neue Festpreisregelung hat dazu geführt, dass viele Produkte preiswerter wurden, bestätigte Jürgen Körner, Pressesprecher der BKK für Heilberufe, den grundsätzlichen Erfolg der Gesetzesnovelle. Er zeigte viel Verständnis für die konkrete Situation der Familie Fels, betonte jedoch gleichzeitig, dass sich sein Unternehmen völlig korrekt verhalten habe.

Es handele sich hier offenbar um einen Sonderfall – die Familie sei durch die Maschen der Gesetzgebung gerutscht. „Wir dürfen jedoch keinen anderen Betrag erstatten“, so der Unternehmenssprecher. Die Krankenkassen – das treffe auch auf die anderen Unternehmen zu – hätten keinen Spielraum. Körner sieht die Krankenkasse zumindest in einem Aspekt im gleichen Boot mit der Lüdinghauser Familie: Auch die BKK verfolge mit Interesse den juristischen Streit, den die Familie in Hessen ausficht.

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