Lüdinghausen
„Mutiges Lassen“ bringt Erfolg

Donnerstag, 23.04.2009, 10:04 Uhr

Lüdinghausen - Kurz zeigte es sich an der Oberfläche: „das Ungeheuer von Well Ness“ - hingewiesen hat darauf am vergangenen Montag im Felizitas-Pfarrsaal der Theologe Andreas Malessa , Moderator mit festem Sendeplatz im Südwest-Fernsehen. Scharfsinnig analysierend, charismatisch und humorvoll, mit der modulationsfähigen Stimme des geübten Hörfunkmannes, sprach er im Rahmen einer Veranstaltung des Theologischen Forums über „Freizeit, Arbeits- und Lebenszeit“ und gewann mühelos Hirn und Herz der 120 Zuhörer.

Zeitmanagement sei die Aufgabe von Unternehmens- und Personalberatern, die die technischen Möglichkeiten immer schnellerer Datenverarbeitung dazu nutzten, die Befolgung des „1. Gebots der Freien Marktwirtschaft“ nur noch radikaler einzufordern: „Du sollst schneller, besser, größer werden!“ Das versprochene große „Zeitgeschenk“ erweise sich meist als Mogelpackung.

Weit verbreitet sei jedenfalls mittlerweile das Gefühl unter den Menschen, immer weniger Zeit zu haben. Das „1. Gebot der Freien Marktwirtschaft“ beherrsche die Menschen und ihre Produktivität. Umso dringlicher für Malessa die Frage: Wie gehe ich angesichts eines begrenzten Zeitreservoirs mit meinen Kräften um? Wie vermeide ich, dass ich wie der berühmte „Hamster im Rad“ auf eine Erschöpfungsdepression („Burn-out-Syndrom“) zusteuere?

Wolle man aus dem Vollen schöpfen, müsse man Stress vermeiden beziehungsweise abbauen. Das sei schwierig, denn Stress steigere nun einmal das Selbstwertgefühl erheblich. Gleichzeitig verringere es die gefühlte „Bringschuld“ anderen gegenüber und verschaffe so ein „gutes Gewissen“. Und schließlich habe Stress den positiven Nebeneffekt, dass es Tod und Todesangst zumindest zeitweilig vergessen lasse.

Malessa zitierte den Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux , der 1148 in einem Brief dem viel beschäftigten Papst Eugen III. rät, sich von Zeit zu Zeit den Verpflichtungen zu entziehen, um das Gespür „für einen richtigen und heilsamen Schmerz“ nicht zu verlieren. Andernfalls würden sich „Stirn“ und „Herz“ unweigerlich verhärten.

Wie kann ich die Verfügungsmacht über mein Zeitkontingent zurückgewinnen? Bestimmt nicht durch „machtvolles Machen“, meint Malessa. Nur durch häufigeres Neinsagen, durch „mutiges Lassen“ habe man Erfolg.

Sich von Stress zu verabschieden, könne nur gelingen, wenn man dessen positive Folgewirkungen aushebele: Im Psalm 31 (Vers 16) fand der Referent Antworten, die einem Grundvertrauen auf Gott entspringen:

1. Die Zeit des Menschen ist danach von Gott gehalten, Lebenszeit ist ein Geschenk, Leben müsse man sich also nicht erst „verdienen“. Damit werde - so Malessa - auch den modernen Leitvorstellungen ewiger Jugend und Schönheit sowie unverminderter Leistungsfähigkeit der Boden entzogen. Jede Lebenszeit, auch das Alter, behielte ihren Wert, ebenso die Fähigkeit zum Genießen und die Chance, „wie die Kinder“ in vielen Augenblicken das Glück selbstvergessenen Spiels zu empfinden.

2. „Rette mich aus der Hand meiner Feinde“ heißt es im Psalm 31: Diese „Feinde“, die versklavenden „Pharaonen“, säßen vor allem im Innern und trügen die Namen Perfektionismus und Ehrgeiz. Man könne nicht allen Menschen und Anforderungen gerecht werden.

3. „Lass dein Angesicht über mir leuchten!“ Diese Bitte des Psalms 31 verweise auf einen Fixpunkt jenseits existenzieller Ängste und auch auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Ein solcher Glaube verleihe erst den nötigen Mut, gegen alle demütigenden Tendenzen in der Lebens- und Wirtschaftswelt Widerstand zu leisten.

In der angeregten Diskussion wurde noch eine Reihe aktueller Probleme angesprochen, so das angemessene Verhalten in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise, die Vereinsamung von Menschen inmitten der Wohlstandswelt und die Computersucht junger Menschen sowie die damit verbundenen Erziehungsschwierigkeiten - ein in jeder Hinsicht „runder“ Forumsabend.

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