Lüdinghausen
Noch mehr Stolpersteine und ein Buch

Lüdinghausen - Als „Mahnmale gegen das Vergessen“ wurden am 2. Juni des vergangenen Jahres vor einzelnen Häusern im Stadtgebiet „Stolpersteine“ verlegt - zur Erinnerung an jüdische Mitbürger. Deren Schicksale hatte Bärbel Zimmer mit den von ihr...

Freitag, 10.04.2009, 11:04 Uhr

Lüdinghausen - Als „ Mahnmale gegen das Vergessen“ wurden am 2. Juni des vergangenen Jahres vor einzelnen Häusern im Stadtgebiet „ Stolpersteine “ verlegt - zur Erinnerung an jüdische Mitbürger. Deren Schicksale hatte Bärbel Zimmer mit den von ihr recherchierten Lebensgeschichten lebendig werden lassen. Die Aktion „Stolpersteine“ wird in diesem Jahr fortgesetzt. Mit Bärbel Zimmer sprach WN-Redakteur Josef Kersting.

Vor knapp einem Jahr sorgte die Aktion Stolpersteine in Lüdinghausen und Umgebung für großes Aufsehen. Insgesamt wurden 20 Steine verlegt - zur Erinnerung an jüdische Mitbürger, die Opfer des NS-Regimes wurden. Welchen Nachklang hatte die Aktion, und was hat sich seitdem bei diesem Thema getan?

Bärbel Zimmer: Nachdem am 2. Juni vergangenen Jahres die Stolpersteinverlegung, die Erweiterung der Gedenktafel um weitere Namen an der ehemaligen Synagoge in der Hermannstraße und die Enthüllung eines Gedenksteines vor dem ehemaligen Haus der Familie Strauss in Seppenrade feierlich begangen wurde, blieb mir noch die Gelegenheit, mit der in Lüdinghausen geborenen Edith Strauss und ihrer Tochter Julie Ann den bewegenden Tag und das ereignisreiche Wochenende sowohl emotional als auch analysierend Revue passieren zu lassen, bevor sie am nächsten Tag wieder zurück in die USA flogen. Beide Amerikanerinnen schilderten ihre Lüdinghauser Erlebnisse in den Medien: Edith schrieb einen Artikel voller Begeisterung für das Stanford Magazine, während Julie Ann im San Francisco Chronicle eher skeptische Töne anschlug. Damit allerdings war die Nachlese zu unserer Aktion noch nicht beendet. Die Villa ten Hompel in Münster, von 1940 bis 1945 Sitz des regionalen Befehlshabers der Ordnungspolizei und heute Museum mit den drei Säulen Erinnern, Forschen, Lernen, hatte mich zu einem Vortrag eingeladen. Auch in Lüdinghausen geben die Stolpersteine immer wieder Anlass zu neuen Ideen. Nach Rückmeldung der Stadtführer besteht oft der Wunsch nach Informationen über die Geschichten, die sich hinter den Stolpersteinen verbergen. Lüdinghausen Marketing bietet deshalb in seinem Programm 2009 in die Stadtführungen integrierte Stolpersteinführungen an, beziehungsweise werden ausschließlich Führungen zu den Stolpersteinen von Michael Kertelge oder Moritz Zimmer durchgeführt. Mich erreichten nach der Aktion Briefe und vor allem Nachfragen zu einem Buch. Viele Lüdinghauser hatten den Wunsch, die in den WN vorab veröffentlichten Artikel gebunden in den Händen zu halten.

Sie haben also weiter recherchiert. Wie viele neue Familiengeschichten jüdischer Mitbürger haben Sie geschrieben?

Bärbel Zimmer: Im letzten Jahr habe ich über die verschiedensten Familien weiter recherchiert und sieben „Geschichten“ geschrieben.

Die Familiengeschichten, die vor einem Jahr in einer Serie der Westfälischen Nachrichten erschienen sind, sollten in einem Buch gebündelt werden. Wie weit ist dieses Projekt gediehen? Werden die neuen Geschichten auch eingearbeitet?

Bärbel Zimmer: Von dem Wunsch bis zur Realisierung eines Buches über die jüdischen Familien in Lüdinghausen unterstützte mich die Stolpersteingruppe mit dem Altbürgermeister Josef Holtermann, dem Vorsitzenden des Heimatvereins, Eberhard Bleich, dem Pastoralreferenten und Historiker Michael Kertelge und der Journalistin und Schriftstellerin Ruth Weiss. Im Moment befindet sich das Buch im Druck bei der Druckerei Rademann. Natürlich sind auch die neuen Geschichten in das Buch aufgenommen worden. Interessant dürften die vielen Fotos und Dokumente sein, die ich für das Buch auswählte, ein Beitrag von Ruth Weiss sowie ein Artikel von Michael Kertelge über die Ereignisse der Reichspogromnacht in Lüdinghausen. Im Anhang finden sich Impressionen der Australierin Helen Hill und der eingangs bereits erwähnten Edith und Julie Ann Strauss, aber auch Bilder von den Ereignissen rund um den 2. Juni 2008.

Wann wird das Buch erscheinen? Wie hoch ist die Auflage? Wie teuer ist es, und wo kann mann es kaufen?  Wie wird es finanziert?

Bärbel Zimmer: Das Buch wird Ende Mai mit einer Auflage von 500 Exemplaren erscheinen. Obwohl es eine Hardcover-Ausgabe ist, wird es „nur“ zehn Euro kosten. Die Einnahmen werden wir zum Finanzieren des Buches benötigen. Wir haben schon Spenden von vor Ort Ansässigen für unser Projekt erhalten. Auch bekomme ich für das Buch von der Volkskundlichen Kommission Nordrhein-Westfalens sowie vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe finanzielle Unterstützung.

Acht weitere Stolpersteine sollen am 2. Juni von Gunter Demnig, dem „Vater“ des inzwischen europaweit betriebenen Projektes, verlegt werden. Wie wird dieser Tag gestaltet? Sind, ähnlich wie im Vorjahr, wiederum Nachfahren jüdischer Mitbürger, als Gäste zu erwarten?

Bärbel Zimmer: Das Wochenende rund um den 3. Juni 2009 wird wieder ähnlich wie im letzten Jahr ablaufen. Im Vorfeld wird es einen Gottesdienst in der Synagoge Selm-Bork geben. Es wird ein Ehepaar aus Israel erwartet. Michael El-Dor, ehemals Adler, ist ein Nachfahre von Hans Adler, der bereits vor dem Haus Mühlenstraße 42 einen Stolperstein hat. Die Familie Mainzer aus Israel musste aus terminlichen Gründen absagen. Wir hoffen auf rege Teilnahme der Schulen in Lüdinghausen und wieder auf die musikalische Einleitung der Feierlichkeiten durch die Musikschule. Ebenso wie im Vorjahr werden die beiden Mitglieder der Vereinigung Etz Ami, die Kantorin Mirjam Lübke und Sara Rebecka Benet, der Zeremonie beiwohnen.

Mit Ihrer Recherche über jüdische Mitbürger haben Sie nicht nur der örtlichen Geschichtsforschung einen großen Dienst erwiesen. Sind  Ihre Nachforschungen damit am Ende, oder dürfen wir uns auf weitere neue Erkenntnisse freuen?        

Bärbel Zimmer: Sie haben Recht. Nicht nur vor Ort mit dem Archiv, mit hoffentlich interessierten Schulen, engagierten Lehrern und Bürgern besteht Interesse an der Veröffentlichung der jüdischen Lebensgeschichten, sondern auch über Lüdinghausen hinaus. Da ist zum Beispiel die Villa ten Hompel in Münster zu nennen oder das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten, das bereits ein Buchexemplar vorbestellt hat. Sogar die Geschichtswerkstatt in Düren bekommt ein Buch, denn sie konnte mir bei der Erforschung speziell über eine Familie behilflich sein. Obwohl die Geschichten der 28 Opfer der Shoah in einem Buch festgehalten sind, bedeutet es noch lange nicht, dass sie abgeschlossen sind. In meinem Vorwort zum Buch stelle ich ganz nachdrücklich fest, dass heute immer noch jeden Tag Neues ans Licht kommt, was die Holocaust-Forschung betrifft. Manche Untersuchungen, die ich begonnen habe, sind noch nicht abgeschlossen. Ich werde selbstverständlich daran weiterarbeiten, und das bedeutet auch, im Archiv mit Liane Schmitz zusammen einen Raum zu schaffen für die jüdischen Familien aus Lüdinghausen. Meine gesammelten Dokumente und Materialien aus Lüdinghausen und der ganzen Welt werde ich dem Archiv zur Verfügung stellen, damit auch Lehrer mit ihren Schülern vom Lokalen in die Weltpolitik dringen können.

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