Lüdinghausen
Mauerstein auf Wanderschaft

Montag, 05.10.2009, 04:10 Uhr

Lüdinghausen - Gerade einmal vier Stunden brauchte Mike Kerstin am vergangenen Freitag mit seinem Auto von Berlin nach Lüdinghausen. Auf den ersten Blick scheint dies nichts Nennenswertes zu sein. Für den gebürtigen Berliner ist der unkomplizierte Besuch in die Steverstadt jedoch etwas Besonderes. Genau 20 Jahre vorher begab er sich nämlich zum ersten Mal auf die Reise ins Münsterland. Damals war er mehr als 18 Stunden unterwegs. Einen Monat vor dem Mauerfall ist damals er aus der DDR geflüchtet. In Lüdinghausen fand er Zuflucht, viele Freunde und eine Arbeitsstelle. Anlässlich der „Einheitsparty“ im „Stattstrand“ kam Mike Kerstin, der mittlerweile wieder mit seiner Familie am Rande Berlins wohnt, für einen Kurzbesuch in seine zeitweilige Heimat - im Gepäck ein daumengroßes Stück Stein.

„Das mit dem Mauerstein ist eine lange Geschichte“, erzählt der Techniker. Fast 25 Jahre lebte er am Prenzlauer Berg in Ostberlin. Ende 1988 verlor er jedoch seine Arbeit in einer Fabrik. „Damals, nachdem ich aus meiner Arbeitsstelle herausgeekelt wurde, war ich höchst unzufrieden“, nennt der Familienvater seine Beweggründe für die Flucht aus der DDR, „als mein kleiner Bruder dann im Sommer 1989 abhaute, dachte ich mir: Was der kann, das kann ich auch!“ Ende September verließ er die DDR als Urlauber in Richtung Tschechische Republik. Mit seiner alten Moskwitsch, einem russischen Fabrikat, fuhr er weiter über Österreich nach Deutschland.

In München gab seine „Mossi“ endgültig den Geist auf. „Aber sie hat ihren Dienst getan“, meint Mike Kerstin. Mit der Bahn ging es weiter nach Lüdinghausen, wo bei Verwandten nach 1800 Kilometern Reise seine erste Zuflucht war.

„Als ich gerade auf dem Weg zur Einheitsparty an dem Gebäude der Agentur für Arbeit vorbeigefahren bin, dachte ich: Vor 20 Jahren hast du auch dort gestanden“, erzählt der Berliner von seinen ersten Problemen in der BRD. Über viele Ecken lernte er jedoch den Lüdinghauser Christoph Davids kennen. Als damaliger Verkäufer im Autohaus Rüschkamp besorgte er „dem aus dem Osten“ einen Job im Autohaus. „Und Mike war einer der besten Verkäufer bei uns“, erinnert sich Firmenchef Joan Hendrik Rüschkamp, der noch heute bei Terminen in Berlin bei Mike Kerstin vorbeischaut. In den folgenden Jahren entstand eine intensive Freundschaft zwischen dem Berliner und vielen Lüdinghausern. Umso überraschter war er, dass einige von ihnen am Freitag spontan am ehemaligen Bahnhofsgebäude vorbeischauten. „Unser Beispiel zeigt, dass eine Freundschaft die Grenze überstehen kann“, meint Christoph Davids, der immer noch regelmäßig mit Kerstin über Internet in Kontakt steht. Und was hat es jetzt mit dem Mauerstein auf sich? „Der Stein wandert bei jedem Besuch hin und her“, löst der Berliner auf, „und bis zum Gegenbesuch bleibt er in Lüdinghausen.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/451132?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F163%2F697799%2F697806%2F
Nachrichten-Ticker