Theologisches Forum: Journalist und Pfarrer Andreas Malessa sprach Klartext
Verrohung in jeder Form

Lüdinghausen -

Andreas Malessa ist ein begnadeter Redner. Der Fernseh- und Rundfunkjournalist sowie evangelisch-freikirchliche Pfarrer verstand es auch am Donnerstagabend in der Auftaktveranstaltung des Theologischen Forums, seine Zuhörer auf humorvolle Art mit einer Sozialdiagnose der besondern Art bekannt zu machen: An vielen Orten der Gesellschaft lasse sich eine zunehmende Verrohung im Umgang der Menschen miteinander beobachten, für ihn ein untrügliches Zeichen kultureller Verarmung. „Ellenbogen oder Nächstenliebe?“ – so lautete Malessas Frage.

Samstag, 29.09.2012, 16:09 Uhr

Theologisches Forum: Journalist und Pfarrer Andreas Malessa sprach Klartext : Verrohung in jeder Form
Egoismus, Gewalt und Ellenbogengesellschaft statt einer Kultur von Solidarität und Nächstenliebe – Andreas Malessa rechnete mit Privatfernsehen, Internet und Aktienjongleuren ab. Foto: west

Und er beschrieb die Phänomene: die möglichst hohen Einschaltquoten geschuldete vulgäre Sprache in den Seifenopern, die Proll- und Brüllorgien des Nachmittags auf den Privatkanälen, die Flut der Talk-Shows bei den Öffentlich-rechtlichen, die den Eindruck erweckten, als wolle man eine außerparlamentarische politische Willensbildung herbeiführen.

Kurz nach Verkündung einer „geistig-moralischen Wende“ durch den neuen Kanzler Helmut Kohl (1982/83) sind die privaten Fernsehkanäle auf Sendung gegangen. Seitdem habe man die „Jaucheschleusen“ nicht mehr zudrehen können. Auch Kinder und Jugendliche fänden dort nur seichteste Unterhaltung, aber niemals machten sie dort auch nur ansatzweise Bekanntschaft mit anspruchsvolleren Inhalten: zum Beispiel mit Theater, Ballett, Malerei, Literatur, klassischer Musik oder gar Religion. Mit suggestiver Kraft werde den Zuschauern beigebracht, dass es eine Konfliktlösung durch Dialog nicht geben könne, wirklich helfen könne nur Gewalt.

Malessa machte neben der Verrohung der Sprache eine Verrohung des Denkens aus. So gebe es auch in mancher „Selbsterfahrungsgruppe“ die Pflege eines rücksichtslosen Egoismus. Man höre dem Anderen nicht mehr wirklich zu, wenn man ausschließlich „interessengeleitete Zielkommunikation“ betreiben wolle. Eine ideologisierte Sprache ersticke jeden Ansatz zu menschlicher Wärme, zu ehrlich gemeintem Lob und fairer Kritik. Es sei auch auffällig, dass Firmen händeringend Mitarbeiter mit „sozialer Kompetenz“ und „emotionaler Intelligenz“ suchen müssten: Menschen mit der Fähigkeit zu Solidarität und Einfühlung seien auch aus deren Sicht offenbar rar geworden.

Und dann sei da noch eine dritte Form der Verrohung: Auf der Strecke blieben häufig Solidarität und Nächstenliebe. Wo ein sich als „alternativlos“ gerierendes kapitalistisches System Spekulanten und findige Geldanleger begünstige, für gut ausgebildete junge Leute aber nur „prekäre“ (ungesicherte, befristete) Jobs bereithalte, könnten sich kaum noch lebendige Gruppen von Menschen bilden, in denen solche alten Tugenden ihren Platz hätten.

Es seien die ursprüngliche Unbefangenheit des Kindes, seine Versunkenheit ins Spiel, seine Fähigkeit zu spontaner Freude und sein Staunenkönnen, die in der Bibel den Jüngern Jesu beispielhaft vor Augen gestellt wurde. Heute seien die Kinder dagegen viele Stunden am Tag virtuellen Welten ausgesetzt: das Bloggen, Twittern, Chatten rufe Phänomene wie „Shitstorm“ und „Cybermobbing“ auf den Plan. Und die sogenannten „sozialen Netzwerke“ seien oft das Gegenteil, nämlich a-sozial, weil anonym.

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