Markus Bürger referierte
Verantwortung gegenüber billigem Fleisch

Lüdinghausen -

Markus Bürger, Religionslehrer aus Paderborn und Mitarbeiter am Institut für Theologische Zoologie in Münster, war jetzt Referent des Theologischen Forums. „Die Würde der Geschöpfe“ steht in diesem Jahr im Mittelpunkt der Vortragsreihe.

Sonntag, 13.10.2013, 12:10 Uhr

Nicht um die vielfach liebevoll umsorgten Haustiere sollte es gehen. Nein, „Nutztiere“ wie Schweine, Rinder und Hühner standen im Mittelpunkt des zweiten Abends des Theologischen Forums, das in diesem Herbst um das Thema „Die Würde der Geschöpfe“ kreist.

In der ZDF-Reportage „37 Grad“ sah man am vergangenen Dienstag Bilder von der für die Händler höchst gewinnträchtigen Lederproduktion in Bangladesh. Die in den Gerbereien unter Missachtung aller notwendigen Auflagen bearbeiteten Tierhäute werden später in Europa weiterverarbeitet, etwa zu Schuhen oder Taschen. Blanke Existenznot treibt die Menschen dort zur Arbeit. Kinder waten durch eine chromverseuchte Brühe, für einen „Lohn“ von neun Cent pro Stunde. Und die Rinder wurden vorher unter elendesten Umständen aus Indien, wo fromme Hindus sie für „heilig“ halten, über Tausende von Kilometern in das muslimische Bangla Desh getrieben.

Auch einige Bäuerinnen waren am vergangenen Donnerstag ins Felizitas-Pfarrheim gekommen. Sie wiesen darauf hin, dass artgerechte Haltung und Sauberkeit der Ställe für alle Landwirte eine Selbstverständlichkeit sei, heute mehr denn je. Daher sei aktuelle Kritik an den Mastbedingungen, etwa von der Tierrechtsorganisation PETA , nicht mehr akzeptabel. Man habe die Höfe auch geöffnet, damit Verbraucher sich ein eigenes Bild machen können, aber leider folge kaum jemand der Einladung. Fehlendes Interesse beim Verbraucher?

Referent des Abends war der Religionslehrer Markus Bürger aus Paderborn , der auch Mitarbeiter am Institut für Theologische Zoologie in Münster ist. Er skizzierte eine Unterrichtsreihe, die den Umgang mit Nutztieren in einen globalen Zusammenhang stellte. Mit seinen Schülern ging er daher nicht zufällig vor Beginn der Reihe auf einen Bauernhof, denn „es kommt ja kaum noch vor, dass Schüler aus der Großstadt lebende Schweine sehen, wohl schon mal Rinder auf der Wiese“.

Bürger hat sich aber auch in Brasilien umgetan: Für den Bau des Sobradinho-Stausees, eines Mega-Energie-Reservoirs für industrielle Großanlagen, wurden Tausende Kleinbauern vertrieben. Gestautes Flusswasser, so Bürger, diene in Brasilien vor allem auch zur Bewässerung von riesigen Soja- und Maisplantagen an den Ufern, durch die die Futtermittelindustrie in Südamerika, in Europa und anderen Teilen der Welt eine ständige Intensivierung der Masttierhaltung ermögliche. Während in den letzten zehn Jahren etwa die Zahl der Schweinehalter in Deutschland um 65 Prozent zurückgegangen sei, hätten sich die Bestände pro Betrieb mehr als verdoppelt. Die Industrialisierung der Viehwirtschaft schreite ständig voran.

Im Fleischwerk Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, so Bürger, würden heute Tag für Tag 23 000 Schweine geschlachtet. Der Betrieb erhalte dennoch, oder gerade deshalb, jedes Jahr EU-Agrarsubventionen in Millionenhöhe, die Bürger als ein Beispiel für die Verfestigung einer strukturellen Fehlentwicklung ansieht, die mit einer Treibhausgas-Emission von jährlich 133 Mio. Tonnen CO² auch ökologisch verheerend sei.

Wo im internationalen Fleischgeschäft so viel Geld im Spiel sei und es keine durchgreifenden Kontrollmöglichkeiten mehr geben könne, komme es fast zwangsläufig auch immer mal wieder zu Fleischskandalen. Und die Boulevardpresse frage plötzlich: „Wie kommt das Pferd in die Lasagne?“ Aber diese „Skandale“ seien nur die Spitze des Eisbergs. Eine Diskussion über „Tierrechte“, gar über die „Würde“ der Tiere mute auf diesem Hintergrund erst recht seltsam altmodisch an. Genau darum aber sollte es an diesem Abend gehen.

Einen Schwerpunkt legte der Referent deshalb auf die Bestimmung, die Mensch und Tier nach dem ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,28) zugewiesen erhalten: Beide sind nicht zufällig am selben (dem sechsten) Tag ins Leben getreten. Die „Herrschaft über alles Getier“, die Gott danach dem Menschen überträgt, verstehe sich – das machten Zeichnungen aus der Entstehungszeit klar – als „Hüte-Auftrag“: Ur-Bild sei der mit seiner Herde umherziehende Hirte. Wie aber wollen Christen heute noch glaubwürdig einen menschen- und tierfreundlichen Gott verkündigen, angesichts der – wie Theologen sagen – „strukturellen Sünde“, in der die ganze Menschheit verharrt.

Und wie kann christliche Verantwortung angesichts der weltweit anhaltenden Nachfrage nach „billigem“ Fleisch aussehen, weil man sich das tierfreundlicher produzierte und hochwertige Fleisch tatsächlich oder vermeintlich nicht leisten könne? Was kann der Einzelne tun? Muss jeden Tag Fleisch auf den Tisch kommen? Wie kann man heutigen Jugendlichen vermitteln, dass es Lebewesen mit einer eigenen (von Gott verliehenen) „Würde“ sind, die die Fast-Food-Industrie zu den begehrten großen Fleischklopsen verarbeitet? Und was macht es mit dem Menschen selbst und seiner eigenen Würde, wenn ihn am (Nutz-)Tier nicht mehr dessen Selbstwert, sondern nur noch seine Verwertungsmöglichkeit interessiert, oder wenn er selbst – Beispiel Bangladesh – nur noch als Arbeitssklave Wert besitzt.

Einigkeit bestand an dem Abend allerdings auch darin, dass die regionale bäuerliche Landwirtschaft unterstützt werden solle, aus vielerlei guten Gründen.

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