Wie Ruth Weiss Nelson Mandela erlebte
Ein Rädchen im Uhrwerk der Geschichte

Lüdinghausen -

„Er hatte etwas Elektrisierendes“, erinnert sich Ruth Weiss an den Menschenrechtskämpfer und Apartheidsgegner. Ruth Weiss kennt Mandela nicht nur aus Fernsehberichten oder durch die Medien. Sie hat ihn persönlich kennengelernt. Die bald 90-jährige Lüdinghauserin hat Mandelas Werdegang, die Entwicklung im südlichen Afrika und den Umschwung 1990 miterlebt, zum Teil sogar mitgestaltet.

Samstag, 14.12.2013, 14:12 Uhr

Die Welt blickt nach Südafrika . Heute wird Nelson Mandela zu Grabe getragen. Der Freiheitskämpfer, der rund ein Drittel seines langen Lebens in Gefängnissen oder im Untergrund verbracht hat, wird mit Mahatma Gandhi oder Martin Luther King verglichen. Mandela war mehr als nur eine Person der Zeitgeschichte. „Er hatte etwas Elektrisierendes “, erinnert sich Ruth Weiss an den Menschenrechtskämpfer und Apartheidsgegner. Ruth Weiss kennt Mandela nicht nur aus Fernsehberichten oder durch die Medien. Sie hat ihn persönlich kennengelernt, obwohl es nur einmal einen intensiveren persönlichen Kontakt gab. Aber: Die Lüdinghauserin hat Mandelas Werdegang, die Entwicklung im südlichen Afrika und den Umschwung 1990 miterlebt, zum Teil sogar mitgestaltet.

An die erste Begegnung mit Mandela kann sich Ruth Weiss noch gut erinnern. Die Jüdin war Anfang der 1960er Jahre als Journalistin tätig. Sie hatte hervorragende Drähte zu den Aktivisten gegen die Apartheid-Politik. Und eines Abends traf man sich in einem Haus weißer Regierungsgegner. Ruth Weiss wurde in die Küche gebeten – dort saß Mandela und löffelte eine Suppe. Mandela war erst ein Jahr zuvor in den Untergrund gegangen. Diese Flucht wird sicherlich ein Thema des Gesprächs gewesen sein. Wen sie damals in der Küche getroffen hat, dürfte Ruth Weiss erst viele Jahre später realisiert haben . . .

Die nächsten Begegnungen fanden erst nach dem Machtwechsel statt. Mandela hatte zwischenzeitlich 28 Jahre auf Robben Island in Gefangenschaft verbracht. Ihm wurde 1990 nachträglich noch einmal offiziell die Doktorwürde der Universität Simbabwe verliehen. Mandela, so erinnerte sich jetzt Ruth Weiss im WN-Gespräch, saß auf seinem „Thron“ und ließ die Lobeshymnen über sich ergehen. Zufällig betrat eine Gruppe von Kindern leise den Raum, in dem die Ehrung stattfand. Mandela hatte kaum noch einen Blick für die Würdenträger übrig. „Augen und Lächeln galten den Kindern“, stellte Ruth Weiss jetzt fest. Später traf sie Mandela noch einmal bei einer Gartenparty einer christlichen Konferenz, „bei der ich das Judentum vertrat“, so die Journalistin und Autorin. „Er war nicht lange dort, doch seine Anwesenheit veränderte die Atmosphäre“, so die Zeitzeugin. „Ich habe ihn immer wieder mal erlebt, ohne jedoch einen tiefen persönlichen Kontakt zu ihm zu haben“, fasst Ruth Weiss ihre Erinnerungen zusammen.

Aber die weiße Jüdin und der Führer der Apartheid-Gegner waren mehr als nur Geistesverwandte. Zwar war Ruth Weiss als Journalistin tätig und zu diesem Job gehört nach heutiger Auffassung eine gewisse Neutralität. Aber aus ihrer Sympathie für die Gegner der unmenschlichen Rassengesetze in Südafrika machte sie nie einen Hehl. „Wir waren nicht unparteilich“, umschreibt sie die damalige Stimmung der europäisch denkenden Medienvertreter im südlichen Afrika.

Mehr noch: Ruth Weiss war ein Rädchen, das Bestandteil des Uhrwerks der Geschichte Südafrikas und des Kontinents war. Sie organisierte damals Konferenzen, bei denen lange vor dem Niedergang der Apartheid die weißen Führer Südafrikas mit den schwarzen Oppositionsführern zusammentrafen. Im Schutz einer abgelegenen Farm konnten sie völlig inoffiziell und geheim die Vorbereitungen für einen Machtwechsel treffen. Die Schweizer Regierung, so erinnert sich Ruth Weiss, hatte diese Konferenzen völlig unbürokratisch mit rund einer Million Euro gefördert. Mit im Boot war auch der Deutsche Entwicklungsdienst. „Wir haben geholfen, Steine aus dem Weg zu räumen, die nachher bei den offiziellen Gesprächen zu Felsen geworden wären“, erinnert sich die Journalistin an ihre damalige Rolle.

Wir haben geholfen, Steine aus dem Weg zu räumen, die nachher bei den offiziellen Gesprächen zu Felsen geworden wären.

Ruth Weiss
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2102450?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F163%2F1781495%2F2578093%2F
Mehrere Tote in Enschede entdeckt
Polizei ermittelt nach Leichenfund: Mehrere Tote in Enschede entdeckt
Nachrichten-Ticker