Patricia Malcher gewann bei Schreibwettbewerb den ersten Preis
Spuk auf Burg Kakesbeck

Lüdinghausen -

Die Lüdinghauserin Patricia Malcher schreibt seit zwei Jahren Kurzgeschichten. Demnächst erscheint eine ihrer Geschichten in einer neu gegründeten Wiener Literaturzeitschrift. Eine andere Short Story ist bereits in der Westfälischen Reihe des Aschendorffs Verlags erschienen. Jetzt hat die 44-jährige Pädagogin mit einem ihrer Werke den ersten Preis eines von einem Möbelhaus ausgeschriebenen Literaturwettbewerbs gewonnen. Die WN drucken an dieser Stelle ihre Geschichte mit dem Titel „Lüdinghausens Marketing“ ab:

Freitag, 02.01.2015, 07:01 Uhr

Patricia Malcher vor der Kulisse der Burg Kakesbeck – dem Ort ihrer Spukgeschichte.
Patricia Malcher vor der Kulisse der Burg Kakesbeck – dem Ort ihrer Spukgeschichte. Foto: wer

Hintergrund: Einer Legende nach sollen in den Kellergewölben der Burg Kakesbeck zu Lüdinghausen nachts drei kopflose Kälber spuken. Es sind die drei verwunschenen Söhne des Lambert von Oer, dem es nie gelang, drei Jungfrauen in den Keller zu locken, um sie zu erlösen.

„Tourismus hin, Tourismus her“, sagte Friedhelm Reling , „ich brauche meinen Keller.“ Mit einem energischen Daumendruck beendete er das Telefonat. Das wäre ja noch schöner, wenn er als Besitzer nicht entscheiden dürfte. Wichtig machen wollten sie sich, diese Stadträte. Hatten seine Familie und er nicht lange genug zurückgesteckt zum Wohle der Legende? Und nicht zuletzt die drei Söhne des Lambert von Oer. Trieben nun schon seit fast 500 Jahren ihr Unwesen. Nein, es war einfach an der Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Zufrieden las er noch einmal seine Annonce in den Westfälischen Nachrichten : „Jungfrauen gesucht – Anlässlich der Beendigung nächtlichen Treibens in den Kellerräumen der Burg Kakesbeck sucht Burgherr Friedhelm Reling Jungfrauen aller Altersstufen. Die Bewerberinnen sollten ein starkes Nervenkostüm mitbringen, volljährig sein (da ein nächtlicher Einsatz die Jugendschutzbestimmungen erfüllen muss) und natürlich über keinerlei sexuelle Erfahrung verfügen. Bei erfolgreichem Abschluss wird neben einem finanziellen Obolus auch die namentliche Erwähnung im historischen Archiv der Stadt und der Burg Kakesbeck in Aussicht gestellt. Interessierte versammeln sich zur Vorauswahl am kommenden Mittwoch um 15 Uhr auf dem Lüdinghauser Rathausplatz.“

„Buh“ – mit einem lauten Schrei sprang Friedhelm hinter einer Ecke des Rathauses hervor. Schon kreischten die ersten Damen los. „Starke Nerven! Alle, die geschrien haben, kommen für das Projekt leider nicht in Frage.“ Mit hängenden Köpfen trottete mindestens ein Viertel der Menge davon. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, schritt der Burgherr die Reihe der Zu-rückgebliebenen ab. „Minderjährig!“ „Zugezogen!“ „Nur Frauen, Kevin!“ „Jutta, du hier? Das glaubt dir doch keiner!“ Die Reihe lichtete sich. Was ist nur mit dieser Stadt los, dachte er. Schließlich blieben fünf Kandidatinnen übrig. „Gut. Wir benötigen drei Aktive. Die anderen beiden halten sich als Ersatz-Jungfrauen bereit. Beim nächsten Vollmond startet die Aktion.“

Mit einem dumpfen Laut fiel die schwere Tür ins Schloss und der Schlüssel knarzte. Der Mond schien durch das Fenster des Gewölbes. Die Mädchen waren in die Mitte des Raumes, genau in den Lichtstrahl geführt worden und standen nun Rücken an Rücken. Die Füße nackt, den Körper in ein weißes Kleidchen gehüllt und das Haar mit einem Blumenkranz geschmückt, erinnerten sie an eine schwedische Möbelhaus-Kette.

„Müssen wir noch lange warten?“, fragte die Unsichere. „Scheiße, ist das kalt“, sagte die Fachkundige und versuchte, den Rock um ihre Beine zu wickeln. „Ruhe“, sagte die Energische.

Zuerst stieg ihnen der Geruch in die Nasen. Moderig, alt, maskulin. „Müssen wir das Fenster geschlossen lassen?“, fragte die Unsichere. „Scheiße, riecht das stark“, sagte die Fachkundige und fächerte sich Luft zu. „Moschus“, sagte die Energische.

Hufe schlugen auf die Steinplatten. Dann sahen sie sie. Transparent, durchscheinend, aber klar erkennbar. Die Schwänze vertrieben jahrhundertealte Fliegen. Obwohl Torso, Beine und Schweif grau und farblos aussahen, klaffte der kopflose Hals in einem dickflüssigen Rot. Die Wunden bluteten auf den Boden, verspritzten Sprenkel um Sprenkel. Nicht im englischen Hochmoor, nicht im Oscar Wilde‘schen Herrenhaus, nein, hier in Lüdinghausen, im Kellerverlies zu Kakesbeck.

Hüfthoch standen die Kälber im Raum verteilt. Die Muskeln zeichneten sich unter dem Fell ab, zogen den Blick an und ließen den Betrachter ahnen, welch gewaltige Kraft die Tiere hätten, wüchsen sie zu Stieren heran. Jugendlich und vital trotzten sie Nacht für Nacht barhäuptig ihrer Sterblichkeit. Und warteten auf Erlösung.

„Müssen wir sie unbedingt anfassen?“, fragte die Unsichere. „Scheiße, ist das ekelig“, sagte die Fachkundige und versuchte, den Ärmel ihres Kleides über die Hand zu ziehen. „Zugriff“, sagte die Energische.

In dem Moment, in dem Mensch und Tier sich vereinten, Haut und Fell, Wärme und Kälte, verband sich die Vergangenheit mit der Gegenwart. Hinter diffusem Nebel wurden aus Kälbern junge Männer. Prachtvoll und farbenfroh leuchtete ihre mittelalterliche Kluft. Doch schon Sekunden später wurden sie von ihren Füßen gerissen, winkten noch, lachten noch, und schwebten durch das geschlossene Fenster dem Mondlicht ent-gegen.

Die Tür knarrte, als Reling sie am nächsten Morgen öffnete. Das Gewölbe war leer. Wo waren die Jungfrauen? Nur ein Bündel weißer Kleidchen lag in der Mitte des Raumes. So war das nicht geplant, dachte er und drehte sich ruckartig um sich selbst. Sein Blick blieb an der Wand hängen. In blutroten, großen Lettern stand dort etwas geschrieben. Kein Zweifel, eine Nachricht an ihn: „Müssen wir mitgehen? – Scheiße, wir bleiben! – Hüllenlos!“. Da begriff er.

Die Stadträte würde auch die nächsten Jahrhunderte Anspruch auf seinen Keller erheben.

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