Rudolf Hege erinnert sich an viele Begegnungen mit Richard von Weizsäcker
Ein „lieber Freund“ ist gegangen

Lüdinghausen/Berlin -

Den ehemaligen Leiter des Richard-von-Weizsäcker-Berufskollegs verbindet eine langjährige Freundschaft mit dem am Samstag verstorbenen Namenspatron seiner Schule. Im Gespräch mit den WN skizziert er mit seinen ganz persönlichen Erinnerungen das Bild eines faszinierenden Menschen.

Montag, 02.02.2015, 08:02 Uhr

Gelbe Rosen gab es beim Besuch im Jahr 2010 für Marianne von Weizsäcker. 2008 besuchte der ehemalige Bundespräsident den Standort Dülmen des Berufskollegs (kl. Bild).
Gelbe Rosen gab es beim letzten Besuch im Jahr 2010 für Marianne von Weizsäcker. 2008 besuchte der ehemalige Bundespräsident den Standort Dülmen des Berufskollegs (kl. Bild). Foto: kls

Für viele Menschen ist der am Samstag im Alter von 94 Jahren verstorbene ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in erster Linie als Staatsoberhaupt, fern ab auf den Bühnen der großen Weltpolitik, ein Begriff. In Lüdinghausen sieht das etwas anders aus. Als Namenspatron des hiesigen Berufskollegs besuchte Weizsäcker, oft in Begleitung seiner Frau Marianne, viele Male die Steverstadt – zuletzt 2010. Bei diesen Begegnungen entstand zwischen dem Staatsmann und dem langjährigen Schulleiter, Rudolf Hege , eine enge Beziehung, die weit über das offizielle Protokoll hinausging. WN-Redakteurin Beate Nießen sprach mit dem ehemaligen Schulleiter über seine ganz persönlichen Eindrücke und Erinnerungen.

Herr Hege, was ging in Ihnen vor, als sie aus den Medien vom Tod von Richard von Weizsäcker erfahren haben?

Hege: Das hat mich sehr getroffen. Auch wenn schon länger bekannt war, dass es ihm nicht gut ging, ist es doch noch mal etwas ganz anderes zu hören, dass er nun verstorben ist.

Wann sind Sie ihm zum ersten Mal begegnet?

Hege: Das war im März 1998 anlässlich der Namensänderung der Schule. Ich weiß noch ganz genau, wie er damals aus der Limousine stieg. Alles wartete auf ihn, die Schule war voller Gäste, das Festprogramm war eng getaktet. Und was macht der ehemalige Bundespräsident als erstes? Er bleibt einfach draußen auf dem Schulhof bei einer Gruppe Schüler stehen und unterhält sich mit ihnen in aller Seelenruhe. Ich war völlig verunsichert, was ich machen sollte. Denn im Grunde fand ich es ja toll, dass er so auf die Schüler zuging.

War das typisch für ihn?

Hege: Ja, absolut. Er hat sich nie viel aus dem Protokoll gemacht. Er ging immer auf alle Menschen ganz unverkrampft zu und zeigte stets großes Interesse an allem und jedem. Ich kann mich erinnern, dass er einmal an einem sehr heißen Tag, das muss im Sommer 2004 oder 2005 gewesen sein, zu Besuch war und sich die Infostände der Schulklassen zum Thema Globalisierung in der stickigen Turnhalle anschaute. Das waren bestimmt an die 30 Stände. Und zu jedem einzelnen ging er und sprach mit den Schülern. Seine Frau saß derweil draußen im Schatten auf einer Bank und bat mich, ihm auszurichten, er solle sich doch mal eine Pause gönnen. Aber das kam für ihn gar nicht in Frage. Das hat mich sehr beeindruckt. Schließlich war er damals schon weit über 80 Jahre alt.

Wie war ihr persönliches Verhältnis zum Ehepaar Weizsäcker?

Hege: Ich kann sagen, dass aus einem zunächst reinen Arbeitskontakt mit den Jahren ein enges persönliches Band entstanden ist. Wir haben immer Kontakt gehalten, ob telefonisch oder in Briefen. Als zum Beispiel 2005 das Münsterland im Schneechaos versank, rief Marianne von Weizsäcker besorgt bei uns an und wollte wissen, ob wir noch Strom hätten. Ich konnte es fast nicht glauben.

Was werden sie am meisten vermissen?

Hege: Richard von Weizsäcker war nicht nur ein brillanter Kopf, er schaffte es vor allem durch sein offene, herzliche Art sofort jedem das Gefühl zu vermitteln, dass er ernst genommen und vor allem als Mensch angenommen wird – und zwar so wie er ist. Das gibt es nicht so oft. Er hat in all den Jahren für das Berufskolleg unendlich viel getan. Dafür werde ich immer dankbar sein. Sein letzte Brief an mich begann mit den Worten „Lieber Freund“. Ich glaube, das sagt alles.

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