Eine Nacht in der Arrestzelle
Vier mal fünf Schritte

Lüdinghausen/Dülmen -

Weiße Kacheln an der Wand und rote am Boden: Ziemlich karg ausgestattet war die Arrestzelle, in der WN-Redakteur Peter Werth eine Nacht verbrachte. Bis auf Kachelnzählen – es sind 586 ganze und knapp 100 halbe – blieb da kaum eine Beschäftigung. Die Geschichte eines – „hoffentlich einmaligen“ – Erlebnisses.

Samstag, 08.08.2015, 16:08 Uhr

586 ganze und knapp 100 halbe Kacheln zählte WN-Redakteur Peter Werth an den Wänden seiner Zelle. Eine andere Beschäftigung fand er in dem Raum nicht.
586 ganze und knapp 100 halbe Kacheln zählte WN-Redakteur Peter Werth an den Wänden seiner Zelle. Eine andere Beschäftigung fand er in dem Raum nicht. Foto: Charlotte Werth/Cengiz Sentürk

Gerade bin ich kurz eingenickt, da wird es nebenan laut. „Fuck the police, fuck the german police“, dringt es durch die Zellentür zu mir herein. Meine Nacht in der Arrestzelle der Polizeistation Dülmen habe ich mir anders, vor allem ruhiger, vorgestellt. Ein paar Stunden in einer mir bislang unbekannten Umgebung will ich erleben. Dass es anders kommt, liegt an meinem Zellennachbarn, der kurz nach Mitternacht eingeliefert wird. Er scheint ganz und gar nicht einverstanden zu sein mit dem, was gerade mit ihm passiert. Durch die Zellentür höre ich, wie zwei Polizisten versuchen, beruhigend auf ihn einzureden. Der Erfolg ist allerdings kaum messbar. Letztlich schließt sich die Zellentür nebenan. Ruhiger wird es aber nicht. Der Mann scheint gegen die Tür zu treten und zu schlagen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Ich selbst bin seit 22 Uhr auf der Wache. Dort hat mich der Dienstgruppenleiter, Polizeihauptkommissar Reinhard Dittrich , freundlich willkommen geheißen. Schließlich bin ich ja freiwillig hier. Möchte ausprobieren, wie es ist, eine Nacht im Polizeigewahrsam zu verbringen. Und so begleiten mich Dittrich und sein Kollege Klaus Sikorski zu einer der vier Arrestzellen der Dülmener Wache. Dort angekommen werde ich einer eingehenden Leibesvisitation unterzogen. Das heißt, erst einmal Schuhe ausziehen und mit ausgestreckten Armen an die Wand stellen, Beine breit und nicht bewegen – ein beklemmendes Gefühl. Nach und nach wandern mein Schlüsselbund, das Portemonnaie, mein Hosengürtel und mein Ehering in eine Plastikbox. Sogar mein Taschentuch wird konfisziert. Nur meine Brille darf ich – ausnahmsweise – behalten. Niemand, der in eine der Zellen kommt, darf etwas mit hinein nehmen, das ihn selbst oder andere in irgendeiner Weise verletzen könnte, erklärt Reinhard Dittrich.

Dann geht es in die Zelle, die vom Boden bis zur Decke gekachelt ist, in Weiß die Wände, in Rot der Boden. Die im Boden eingelassene Toilette erinnert unangenehm an Camping-Urlaube in Frankreich . Später werde ich aus Langeweile die Wandkacheln zählen – es sind 586 ganze und knapp 100 halbe. Auch die Zelle schreite ich ab: vier mal fünf Schritte.

Doch erst einmal wird mir meine Bettstatt gezeigt. Die besteht aus einer braunen Matte, wie man sie aus Sporthallen kennt. Dazu reicht mir Klaus Sikorski zwei braune, nicht wirklich kuschelige Decken. „Eine als Kopfkissen, eine zum Zudecken“, sagt er mit einem leichten Grinsen und wünscht „Gute Nacht“. Um noch hinzuzufügen, dass er jede Stunde mal nach dem Rechten schauen wird. Das sei das übliche Prozedere.

Doch aus der Nachtruhe wird aus den schon beschriebenen Gründen nichts. Mein Zellennachbar will keine Ruhe geben. Die Beamten öffnen erneut seine Zellentür und – das höre ich aus den Gesprächen – stellen fest, dass er sich bei seiner Randale anscheinend selbst einen Zahn ausgeschlagen hat. Eine Ärztin wird alarmiert. Die versucht ihm dann zu erklären, dass man den Zahn noch retten könne, wenn er mit einem Transport in die Zahnklinik einverstanden sei. Doch diese Erläuterungen gehen in dem lautstarken Lamento des Mannes unter. „Don‘t touch me“, schreit er.

Am Morgen erfahre ich, dass mehr als nur zwei Beamte nötig waren, um ihn zu bändigen. In die Zahnklinik ging es dann doch nicht. Die Frage, was mit dem ausgeschlagenen Zahn geschehen soll, beantwortet einer der Wachhabenden mit einem Scherz: „Den legen wir ihm unter sein Kopfkissen, und heute Nacht kommt dann die Zahnfee . . .“

Die ist dann wohl doch nicht gekommen. Denn am Morgen sehe ich bei meiner Entlassung aus dem Gewahrsam einen Pappbecher vor der Nachbarzelle stehen. Auf meine Frage, was denn darin sei, sagt Klaus Sikorski lakonisch: „Der Zahn.“ Ich selbst betrachte die zurückliegende Nacht zwiespältig. Es verursacht schon ein Gefühl des Unwohlseins, seiner Freiheit – wenn auch freiwillig – beraubt zu sein, eingesperrt auf nur wenigen Quadratmetern, ohne Handy, ohne Buch, so ganz mit sich selbst alleine. Ohne sagen zu können: „Jetzt ist Schluss.“ Andererseits verlasse ich die Wache auch mit dem Gefühl, um eine – hoffentlich einmalige – Erfahrung reicher zu sein.

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