Demenz: Je älter wir werden, um so häufiger taucht sie auf
Auf dem Weg ins Vergessen

Lüdinghausen -

Wenn Opa mal wieder nicht weiß, wo er seine Lesebrille gelassen hat, muss er noch lange nicht an Demenz leiden. Und doch: die Zahl alter Menschen mit Demenz steigt und stellt Angehörige, Pflegeheime und Krankenhäuser vor große Herausforderungen.

Donnerstag, 29.10.2015, 13:10 Uhr

In den Pflegeheimen steigt die Zahl der Bewohner mit Demenz. Zum Krankheitsverlauf gehören neben kognitiven auch körperliche Einschränkungen.
In den Pflegeheimen steigt die Zahl der Bewohner mit Demenz. Zum Krankheitsverlauf gehören neben kognitiven auch körperliche Einschränkungen. Foto: dpa

Früher gab es im Clara-Stift eine Station speziell für Bewohner mit Demenz . „Das würde heute so nicht mehr funktionieren“, erklärt Bernd Ader, Leiter des Seniorenheims in Seppenrade . Warum? „Es kommen immer mehr Menschen mit einer dementiellen Erkrankung zu uns. Deswegen haben wir uns entschlossen, sie auf alle Abteilungen zu verteilen.“

Die Zahl der an Demenz erkrankten Senioren steigt stetig, dass zeigen auch aktuelle Statistiken der Krankenkassen. Laut der KKH (siehe Infokasten) sind in Deutschland derzeit 1,5 Millionen Menschen an Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz erkrankt. Der Grund dafür ist einfach: die Menschen werden immer älter. „Das ist die Kehrseite der modernen Medizin“, weiß auch Dr. Peter Dudek . Der Neurologe betreibt seit 35 Jahren eine Praxis in Coesfeld und hält am St.-Marien-Hospital in Lüdinghausen eine wöchentliche Demenz-Sprechstunde.

„Man könnte diese Entwicklung auch als eine schleichende Epidemie bezeichnen.“ Täglich hat er in seiner Praxis mit neuen Fällen zu tun. Mal sind es die Hausärzte, die ihm Patienten mit dem Verdacht auf eine Demenz schicken, mal sind es besorgte Angehörige. „Nur selten sind es die Betroffenen selbst, die eine Diagnose wünschen“, so Dudek. Zu groß sei der Wunsch, gerade zu Beginn der Krankheit, das Ganze zu leugnen. Die Betroffenen registrierten zwar sehr wohl die Veränderungen – verdrängten oder bagatellisierten sie aber häufig. „Die Angst vor einer solchen Diagnose, und was sie für das weitere Leben bedeutet, ist einfach zu groß.“

Kein Wunder, ist doch Demenz nach wie vor nicht heilbar. Medikamente und kognitives Training können allenfalls den Verlauf der Krankheit verlangsamen. „Aber am Ende steht immer der Pflegefall und schließlich auch der Tod“, so Dudek.

Auch am St.-Marien-Hospital sieht man sich angesichts einer wachsenden Zahl demenzkranker Patienten neuen Herausforderungen gegenüber. „Im vergangenen Jahr lag in 40 Prozent aller Fälle in der Akut-Geriatrie eine dementielle Erkrankung vor“, so Dr. Matthias Bäumer , Oberarzt der Geriatrie und ebenfalls Neurologe. Allerdings kommt nur jeder 25. Patient wegen der Diagnose Demenz ins Krankenhaus. „In den allermeisten Fällen liegen andere, akute Erkrankungen oder auch Verletzungen – zum Beispiel durch einen Sturz – vor, die eine Einweisung nötig machen. Die Demenz ist dann quasi eine Nebendiagnose.“

Weil diese Patienten eine besondere Betreuung benötigen, wurde am Marien-Hospital jetzt eine Projektgruppe „Demenz“ ins Leben gerufen. Das Ziel: Die Therapie, Pflege und Begleitung weiter zu verbessern. „Gerade für Demenzkranke stellt der Aufenthalt in einem Krankenhaus eine besonders belastende Situation dar“, erklärt Pflegedirektor Johannes Beermann im Gespräch mit den WN. „Sie fühlen sich in der fremden Umgebung entwurzelt, finden sich noch weniger zurecht als in ihrem gewohnten Umfeld.“

Wichtig sei es da, ein möglichst stabiles räumliches und personelles Umfeld zu schaffen. „Wir wollen den Patienten ein Gefühl der Sicherheit vermitteln“, so Beermann. So sollen sich nach Möglichkeit immer dieselben Pfleger und Schwestern um die Patienten kümmern. Gedacht sei auch an die Einrichtung eines Aufenthaltsraums mit Einrichtungs- und Alltagsgegenständen, die die Senioren aus ihrer Vergangenheit kennen.

Für Oberarzt Bäumer und Pflegedirektor Beermann kommt dem Krankenhaus allerdings noch eine andere wichtige Aufgabe zu. „Wir sind oft der Kristallisationspunkt, an dem entschieden werden muss, wie es weitergeht.“ Kann der Patient noch zurück in sein häusliches Umfeld? Und wenn, wie kann die Betreuung dort organisiert werden? Was wollen und können die Angehörigen noch leisten? „Das ist für alle Beteiligten keine einfache Situation“, so Bäumer.

Und doch: Altersdemenz gehört zum Leben, wie Neurologe Dudek betont. „Als Kinder lernen wir all die Fähigkeiten, die wir später im Alter durch die Demenz wieder verlieren. Damit schließt sich im Grunde der Lebenskreis.“ 

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