EM-Freude bei Portugiesen in Lüdinghausen
Auf dem Weg zur Tonne kommt der Deckel drauf

Lüdinghausen -

Stell Dir vor, Deine Mannschaft schießt in der Verlängerung des EM-Finales das Tor, das den Titel bringt – und Du musst gerade den Müll rausbringen . . . Dem Portugiesen Paulo Cortes, der in Lüdinghausen ein italienisches Eiscafé betreibt, ist es am Sonntag so ergangen.

Dienstag, 12.07.2016, 06:07 Uhr

Pure Freude: Den EM-Titel bejubeln (v.l).
Pure Freude: Den EM-Titel bejubeln (v.l). Foto: Kristian van Bentem

„Das Tor von Eder habe ich erst am Montag Morgen im Fernsehen gesehen“, erzählte der 48-Jährige nach einer kurzen Nacht. Es ist 23.21 Uhr am Sonntag, als Paulo Cortes nach Ladenschluss beim Aufräumen ist und das Piepen seines Smartphones ihm während der Verlängerung gegen Frankreich vor der Tür des Cafés einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Zwischen Hoffen und Bangen öffnet er die WhatsApp-Nachricht seiner Schwester: „TUMBAAAAA!“ Ein portugiesischer Freudenschrei, den man nicht übersetzen kann und muss, um zu verstehen, wie viel Adrenalin in diesem Moment durch seinen Körper geschossen sein muss, als Eder sozusagen den Deckel draufmacht. „Was für eine Erleichterung.“

Erst recht nach einem Start, der angesichts der Verletzung von Cristiano Ronaldo für die Portugiesen zum „in die Tonne kloppen“ war. „Das war im ersten Moment ein echter Schock. Ich dachte, jetzt ist es vorbei“, berichtet Cortes, der es als Kicker bis in die portugiesische Regionalliga schaffte, ehe er mit 18 nach Deutschland kam. „Doch dann hat dieser Ausfall die Mannschaft erst richtig stark gemacht, weil alle für Ronaldo gespielt haben. Sie hat gezeigt, dass Portugal nicht nur CR7 ist.“

Auch für Cortes lief der Finalabend nicht ohne Widrigkeiten. Nachdem er die erste Halbzeit noch zu Hause vor dem Fernseher verfolgt hatte, musste er in der Pause zum Ladenschluss ins Eiscafé fahren. „Die Arbeit muss ja erledigt werden.“ Zwar versuchte er, den Rest der Partie im Miniaturformat auf dem Smartphone zu verfolgen. „Doch dann war der Akku fast leer, sodass ich es zum Laden anschließen musste und beim Aufräumen nur noch aus der Ferne dem Kommentar zuhören konnte.“ Dass er dann noch den entscheidenden Moment verpasste – es passte fast schon ins Bild. Was folgte, war eine gefühlte Ewigkeit bis zum erlösenden Schlusspfiff: „Noch drei Minuten, noch zwei, noch eine – die wollten nicht enden.“ Bis endlich dieser ersehnte letzte Pfiff kam, der ein ganzes Land in einen kollektiven Freudentaumel stürzte.

Den besten Fußballer der Welt hatten wir schon – jetzt haben wir endlich auch einen großen Titel.

Paulo Cortes

„Unser Volk hat eine große Geschichte. Es war an der Zeit, dass wir wieder etwas Großes tun. Den besten Fußballer der Welt hatten wir schon – jetzt haben wir endlich auch einen großen Titel“, ist Cortes mächtig stolz.

Verständlich, dass am Sonntag mit ihm die PS-Gäule durchgingen. Auch wenn Lüdinghausen nicht gerade eine Portugiesen-Hochburg ist und es nicht für einen stattlichen Autokorso reichte: Mit seiner Frau Fatima und einem Mitarbeiter ließ es sich Paulo Cortes nicht nehmen, eine kurze Triumphfahrt samt Hupkonzert durch den Ort zu unternehmen. „Immerhin, ein paar Landsleuten sind wir unterwegs schon begegnet“, so Cortes.

Für alle Nörgler, die nun das Haar in der Suppe suchen, Portugal unattraktiven Fußball vorwerfen und mäkeln, dass die „Seleccion“ als Gruppendritter nur mit Mühe und Not die Vorrunde überstanden habe, hat Cortes allenfalls ein müdes Lachen übrig; „Das ist wie im Eiscafé: Was zählt, ist die Endabrechnung!“

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