Gedanken zum Kreuzweggebet
Gemeinsam (er-)trägt es sich leichter

Lüdinghausen -

Die Kirchenbesucherzahlen gehen auch in Lüdinghausen zurück. Zum gemeinsamen Kreuzweggebet am Karfreitag kommen hingegen viele Christen. Pastoralreferent Michael Kertelge hat dafür eine Erklärung.

Sonntag, 16.04.2017, 08:04 Uhr

Die neunte Station des Kreuzweges in St. Felizitas: Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen. Pastoralreferent Michael Kertelge sieht darin einen Ausdruck gegenseitiger Hilfe – auch für den heutigen Alltag. In diese Szene hat der Bildhauer Heinrich Fleige das Konterfei von Papst Pius IX. (vierte Figur v.l.) eingebaut.
Die neunte Station des Kreuzweges in St. Felizitas: Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen. Pastoralreferent Michael Kertelge sieht darin einen Ausdruck gegenseitiger Hilfe – auch für den heutigen Alltag. In diese Szene hat der Bildhauer Heinrich Fleige das Konterfei von Papst Pius IX. (vierte Figur v.l.) eingebaut. Foto: Anne Eckrodt

So, wie Michael Kertelge die Szene schildert, hat der Zuhörer sie sofort bildlich vor Augen. Ein Karfreitag vor ein paar Jahren, die Familie ist auf dem Weg zum Kreuzweggebet . Vorbei an der großen Eisdiele in der Innenstadt. Es ist schönstes Frühlingswetter. Viele Ausflügler, vor allem Motorradfahrer, bevölkern die Tische, genießen ihr Eis. „Tja, und wir gingen zum Sterben“, bringt der Pastoralreferent von St. Felizitas die Sache auf den Punkt. Und das eher mit einem Schmunzeln.

Und genau das feiern wir Christen an Ostern.

Michael Kertelge

Wie passt das zusammen? Kertelge hat dafür eine einleuchtende Erklärung: Der Kreuzweg ist weit mehr als die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu. Denn am Ende steht die Auferstehung, steht neues Leben. „Und genau das feiern wir Christen an Ostern“, macht der Pastoralreferent deutlich. Darin liegt für ihn auch ein Stück weit die Erklärung, warum sich Jahr für Jahr – trotz auch in Lüdinghausen zurückgehender Kirchenbesucherzahlen – so viele Menschen am Karfreitag zum Kreuzweggebet einfinden. Und zwar exakt um 15 Uhr, zur sogenannten neunten Stunde, der Todesstunde Jesu.

Für den Pastoralreferenten ist der „Trick an der Geschichte“: Ursprünglich gingen Christen im Heiligen Land den Leidensweg, also den Kreuzweg nach. Das geschieht heute überall auf der Welt gerade am Karfreitag ungezählte Male. „Ich glaube, diese große Beteiligung auch hier bei uns hängt damit zusammen, dass den Menschen heute vielleicht mehr denn je bewusst ist, dass in jedem Leben die Dinge mal nicht rund laufen“, sagt Kertelge. Und da biete der Kreuzweg Gelegenheit, sich dieser Tatsache bewusst zu werden. „Dabei ist es sicherlich leichter, den Weg gemeinsam zu gehen und die biblische Erzählung zu hören. Dieses Gemeinschaftserlebnis beim Kreuzweg-Gang durch die Bauerschaften kann auch tröstend sein.“

Dabei ist es sicherlich leichter, den Weg gemeinsam zu gehen und die biblische Erzählung zu hören.

Michael Kertelge

Der Pastoralreferent macht das auch ganz konkret an einzelnen Stationen des Leidensweges fest. „Da wird gefallen und wieder aufgestanden“, nennt Kertelge ein Beispiel. Ein anderes ist Simon von Cyrene, der – wenn auch gezwungenermaßen – das Kreuz ein Stück des Weges für Jesus trägt. Kertelge: „All das zeigt uns Menschen heute, dass geteiltes Leid halbes Leid ist, wenn wir uns im Alltag gegenseitig helfen.“

Wer ihn so über Leid, Sterben und Tod reden hört, spürt den festen Glauben dahinter, dass danach nicht alles zu Ende ist. Dass da eben die Hoffnung auf Auferstehung ist. „Ich glaube, dass sich diese österliche Freude jedoch nicht gut verstehen lässt, wenn man nicht vorher auch durch ein Tal des Leides gegangen ist“, sagt Kertelge. Und er fügt hinzu: „Menschen, die ganz viele Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben, sind nicht selten sehr lebensfrohe Menschen.“

Menschen, die ganz viele Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben, sind nicht selten sehr lebensfrohe Menschen.

Michael Kertelge

Diese österliche Freude wird in manchen Kreuzwegdarstellungen durch eine 15. Station mit der Szene des auferstandenen Jesus zum Ausdruck gebracht. Die gibt es in der St.-Felizitas-Kirche zwar nicht, doch der von dem Bildhauer Heinrich Fleige (1840 bis 1890) im neugotischen Stil geschaffene Kreuzweg weist einige andere Besonderheiten auf. „Die Geschichte, die da erzählt wird, ist über 2000 Jahre alt. Der Künstler hat jedoch einige zeitgeschichtliche Menschen eingebaut“, erzählt Kertelge. So ist an der vierten Station Ludwig Windthorst, der Führer der Zentrumspartei, zu sehen. Fürst Bismarck baute er in die siebte und Papst Pius IX. in die neunte Station ein. Kertelge: „Heinrich Fleige porträtierte hier mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Protagonisten des Kulturkampfes, der damals in Westfalen tobte.“

Dafür, dass zwei der Kreuzwegstationen in der Pfarrkirche kürzlich von Unbekannten beschädigt wurden, hat der Pastoralreferent keinerlei Verständnis. Er vermutet dahinter Menschen, „die sich an der Institution Kirche abarbeiten wollen“. Dabei räumt er ein, auch selbst durchaus Fragen an die Institution Kirche zu haben. Sein bevorzugter Weg, um Antworten zu finden, ist der inhaltliche Diskurs – „auch gerne über Themen wie Leiden, Tod und Auferstehung“, sagt Kertelge. Und auch gerne bei einem Eis . . .

Der Bildhauer Heinrich Fleige

Heinrich Fleige wurde am 21. Mai 1840 in Rietberg geboren. Er starb exakt 50 Jahre später, am 21. Mai 1890 in Münster. In der Domstadt sowie im Münsterland finden sich zahlreiche Arbeiten des Bildhauers, der auch als Restaurator tätig war. Er schuf nicht nur den Kreuzweg in der St.-Felizitas-Kirche in Lüdinghausen, sondern unter anderem auch den in Gotteshäusern in Nottuln und Beckum. Außerdem hat er die Pfarrkirche St. Laurentius in Senden durch Figuren im Chorraum und die Engelgruppe an der Chorwand ausgestaltet. Von Fleige stammen auch das Bronzestandbild des Ministers Franz von Fürstenberg, das neben dem Fürstenberg-Haus in Münster zu finden ist, der Ludgerusbrunnen und die Pietá in der Lambertikirche sowie als Gemeinschaftsarbeit mit dem Münsteraner Bildhauer Anton Rüller ein Denkmal für die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

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