Interview mit Bürgermeister Richard Borgmann
„Der Druck ist wesentlich größer geworden“

Lüdinghausen -

Seit einem Vierteljahrhundert steht Richard Borgmann an der Spitze der Stadtverwaltung. Im Interview mit den Westfälischen Nachrichten blickt der Bürgermeister zurück auf schwierige Entscheidungen und Begegnungen mit Menschen, die im Gedächtnis geblieben sind. Und er blickt in die Zukunft – die der Stadt ebenso wie seine persönliche.

Samstag, 09.09.2017, 10:09 Uhr

Den Kirchturm von St. Felizitas im Rücken: Richard Borgmann im Verbindungsgang zwischen Rathausalt- und -neubau.
Den Kirchturm von St. Felizitas im Rücken: Richard Borgmann im Verbindungsgang zwischen Rathausalt- und -neubau. Foto: Anne Eckrodt

Ein Vierteljahrhundert steht Richard Borgmann an der Lüdinghauser Verwaltungsspitze. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Anne Eckrodt erinnert er sich an die feierliche Amtseinführung als damaliger Stadtdirektor, lässt positive Erlebnisse ebenso Revue passieren wie schwierige Entscheidungen und gewährt einen Ausblick sowohl in die Zukunft der Stadt als auch in seine persönliche.

Sie sind seit 25 Jahren Chef der Stadtverwaltung, zunächst als Stadtdirektor, heute als Bürgermeister. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich bei Ihrem Amtsantritt gefühlt haben?

Richard Borgmann: Der erste Akt war die offizielle Einführung als Stadtdirektor im Kapitelsaal der Burg Lüdinghausen. Da war ich natürlich nervös. Wenn man eine neue Stelle antritt, weiß man schließlich nicht, was auf einen zukommt und wie man aufgenommen wird. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es eine wundervolle Veranstaltung war. Viele Behörden- und auch Vereinsvertreter waren da, die mich sofort super aufgenommen haben.

Heute wird erwartet, dass man schnell agiert und reagiert.

Richard Borgmann

Was hat sich seitdem in Ihrer Arbeit am gravierendsten verändert?

Borgmann: Das Tempo, die Schnelligkeit. Früher hatte man noch gewisse Zeit, über Dinge nachzudenken. Heute wird erwartet, dass man schnell agiert und reagiert, weil der Wettbewerb ein ganz anderer geworden ist. Das führt dazu, dass heute ganz anders gearbeitet wird als früher. Der Druck ist wesentlich größer geworden. Oftmals wird man auch fremdbestimmt und weiß teilweise morgens nicht, welche Aufgaben einem tagsüber zufallen. Da fehlt dann die Zeit, in Ruhe über etwas nachzudenken.

Gab es ein besonders positives Erlebnis in den 25 Jahren, an das Sie heute noch zurückdenken?

Borgmann: Es gab viele positive Erlebnisse. Als Bürgermeister kommt man mit vielen, vielen Menschen zusammen und lernt diese oftmals von einer persönlichen, einer menschlichen Seite kennen. Auch wenn ich nicht zuständig bin, bin ich oft der erste Ansprechpartner, um Probleme zu lösen. So hat mich mal eine aufgeregte Bürgerin morgens um 5.30 Uhr angerufen und mir erzählt, sie werde um 7.30 Uhr operiert, allerdings seien ihre Steuern noch nicht bezahlt. Ob sie das auch hinterher noch erledigen könne, wollte sie wissen.

Das Amt des Bürgermeisters ist ein Vertrauensamt.

Richard Borgmann

Das zeugt von einem großen Vertrauen.

Borgmann: (nickt) Das Amt des Bürgermeisters ist ein Vertrauensamt. Es ist sicherlich nicht möglich, es immer allen Bürgern recht zu machen. Ich habe mir jedoch zum Ziel gesetzt, dass meine Entscheidungen nachvollziehbar sind.

Gibt es auch etwas Negatives, das Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Borgmann: Das gibt es auch. Dazu gehört die Tatsache, dass man selbst als Bürgermeister, aber auch die Familie, immer stärker persönlich, die Sachebene verlassend, angegangen wird. Nicht umsonst gibt es immer weniger Menschen, die bereit sind, dieses Amt zu übernehmen.

Was glauben Sie, woran das liegt?

Borgmann: Das rührt daher, dass der Bürgermeister für alles verantwortlich ist, für jede Veranstaltung, die vor Ort stattfindet. Wenn irgendetwas nicht richtig läuft, wird unmittelbar der Bürgermeister in Person zur Verantwortung gezogen. Auch die Beschimpfungen, beispielsweise in den sozialen Medien, nehmen immer mehr zu. Da sagen viele, das tue ich mir nicht mehr an.

Eine sehr schwere Entscheidung war im Jahr 2008 die Schließung der Geburtshilfestation des St.-Marien-Hospitals.

Richard Borgmann

Was war denn Ihre bislang schwerste Entscheidung?

Borgmann: (überlegt länger) Eine sehr schwere Entscheidung war im Jahr 2008 die Schließung der Geburtshilfestation des St.-Marien-Hospitals. Damals musste man zum einen die wirtschaftliche Seite des Krankenhauses im Fokus behalten. Auf der anderen Seite waren da die Sorgen der Menschen, die gerade mit der Schließung einer gynäkologischen Abteilung verbunden sind.

Von der Vergangenheit in die Gegenwart: Es wimmelt in Lüdinghausen aktuell von Großprojekten. Marktplatzumgestaltung, Marien-Campus, „StadtLandschaft“ sind da nur einige Beispiele. Oftmals waren und sind deren Umsetzungen mit politischem Gegenwind für Sie verbunden. Frustriert Sie das?

Borgmann: Nein, das ist Demokratie. Ich bin dankbar dafür, dass Entscheidungsträger auch deutlich machen, dass sie anderer Meinung sind und eine andere Sichtweise haben. Viele Sichtweisen, viele Anregungen machen Projekte besser und vor allem nachhaltiger. Der Stadtrat und auch die Verwaltung sind dafür da, dass sie das Beste für Lüdinghausen wollen und entsprechend abwägen. Es geht zum Teil um Zukunftsentscheidungen für Jahrzehnte. Da sollte man sich die Zeit nehmen, sorgfältig abzuwägen. Wenn eine Entscheidung jedoch getroffen ist, gebietet es die Demokratie, dass man weitermacht und nicht hintenrum versucht, die Mehrheitsentscheidung zu torpedieren.

Ein anderes Großprojekt ist die geplante Leistungssporthalle. Die Verlängerung des Landesleistungsstützpunktes Volleyball ist in dieser Woche unter Dach und Fach gebracht worden. Am Standort der Halle an der Konrad-Adenauer-Straße ist jedoch abgesehen von den Rodungsarbeiten noch nichts passiert. Woran liegt das?

Borgmann: Hinter den Kulissen wird mit Hochdruck an dem Projekt gearbeitet. Dazu gehören unter anderem die Vorbereitungen für die Baugenehmigung. Da wir nicht alleine Herr des Verfahrens sind, sondern das Land einen enormen Zuschuss gibt, sind viele Abstimmungen erforderlich. All das kostet Zeit.

Es könnte sein, dass die Halle teurer wird als geplant.

Richard Borgmann

Aufgrund von drastisch gestiegenen Kosten in Ausschreibungsverfahren ist es in jüngster Zeit wiederholt vorgekommen, dass Kommunen geplante Projekte erst einmal stoppen. Droht das bei der Leistungssporthalle auch?

Borgmann: In der Tat spielen die Kosten derzeit eine große Rolle, nicht nur bei der Leistungssporthalle. Daher prüfen wir diesen Punkt zurzeit sehr genau. Um eine gewisse Sicherheit zu haben, versuchen wir, möglichst viele Angebote zu bekommen, um zu wissen, wo wir kostenmäßig landen.

Das heißt, eine Aufhebung des Ausschreibungsverfahrens ist auch bei der Leistungssporthalle möglich?

Borgmann: Es könnte sein, dass die Halle teurer wird als geplant.

Bis wann müssen denn die Landesmittel für den Bau abgerufen sein?

Borgmann: Im Moment sieht es so aus, dass das bis Ende 2018 passiert sein muss.

Ist das überhaupt noch zu schaffen?

Borgmann: Ja. Wenn nicht, werden wir Gespräche mit dem Land führen müssen.

Im Moment sehen Sie das Projekt Leistungssporthalle also noch?

Borgmann: Ja.

Macht sich bei den Sportlern langsam Frust breit ob der Verzögerungen?

Borgmann: Klar. Jeder will so schnell wie möglich in die neue Leistungssporthalle, um sie für den Schul-, Vereins- und Leistungssport möglichst bald nutzen zu können. Daher kann ich die Verantwortlichen verstehen, wenn sie sagen, je schneller die Halle fertig ist, desto besser. Doch wir unterliegen da leider anderen Zwängen.

Wir haben die Stelle für die Stadtplanung ausgeschrieben.

Richard Borgmann

Ein anderes Thema, das im Zusammenhang mit neuer Infrastruktur immer wieder auftaucht, ist die Forderung nach einem umfassenden Verkehrskonzept inklusive zusätzlichem Parkraum. Ist da in nächster Zeit etwas geplant?

Borgmann: Das wird sicherlich ein Schwerpunktthema in der zweiten Jahreshälfte 2017 werden. Zunächst geht es um die Anbindung der Neustraße an die B 235. Dazu laufen im Moment Überlegungen, auch mit dem Landesbetrieb Straßen.NRW. Wir hoffen, dass wir im Bauausschuss am 26. September schon Pläne dazu vorstellen können. Der andere Bereich, den wir aktuell im Auge haben, ist der Kreuzungsbereich Mühlenstraße, Ostwall, Neustraße und dessen Gestaltung. Dann stellt sich die Frage, soll ein Parkhaus nach Lüdinghausen kommen – ja oder nein. Da wird die Politik jetzt auch Farbe bekennen müssen. Falls ein solches Parkhaus kommen soll, geht es anschließend um den Standort und die Frage, wer es betreiben wird.

Zumindest der Verkehr, der durch Lüdinghauser selbst entsteht, ließe sich durch eine bessere Infrastruktur für Fahrradfahrer entzerren. Spielt das bei den Überlegungen eine Rolle?

Borgmann: Ja, wobei man sagen muss, dass schon eine Menge passiert. Der ADFC ist im ehrenamtlichen Bereich sehr engagiert und weist die Kommune immer wieder auf Missstände hin, woraufhin wir dann tätig werden.

Das wären auch Aufgaben für einen Fahrradbeauftragten, den die Stadt nicht mehr hat.

Borgmann: Wir haben die Stelle für die Stadtplanung ausgeschrieben. Ende dieses Jahres wird ein neuer Mitarbeiter unter anderem auch diese Aufgabe übernehmen.

Mir macht meine Arbeit viel Spaß, vor allem der Kontakt mit vielen verschiedenen, sehr kreativen Menschen.

Richard Borgmann

Nach Vergangenheit und Gegenwart fehlt noch die Zukunft. Wie wird Lüdinghausen 2030 aussehen?

Borgmann: In die Glaskugel zu blicken, ist sehr schwierig. Sie haben ja einige Projekte angesprochen, die Lüdinghausen in den nächsten 15 Jahren prägen werden. Wir werden erst in einigen Jahren feststellen, dass die Regionale 2016 uns sehr, sehr viel Positives gebracht hat. Projekte zählen mit Sicherheit dazu. Das Kino wird uns im Freizeitbereich enorm voranbringen. Gleiches gilt für das St.-Marien-Hospital und den Marien-Campus für den Gesundheitsbereich. Dort gilt es, weiter an einem Ausbau des Versorgungsangebotes im Gesundheitswesen zu arbeiten. Und wir müssen weiterhin attraktiv für junge Familien bleiben. Dazu gehören entsprechender Wohnraum ebenso wie Bildungs- und Kinderbetreuungsangebote. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in der Vergangenheit die richtigen Weichen gestellt haben, um unser Lüdinghausen so lebens- und liebenswert zu erhalten, wie es sich heute präsentiert. Wahrscheinlich sogar noch lebens- und liebenswerter.

Und was machen Sie 2030?

Borgmann: Dann werde ich sicherlich in Rente sein. Was ich vorher mache, da muss ich noch mal schauen. Ich lebe heute, und mir macht meine Arbeit viel Spaß, vor allem der Kontakt mit vielen verschiedenen, sehr kreativen Menschen. Es macht einfach Spaß, zu sehen, wie aus einer Idee ein Plan wird und sich daraus dann ein konkretes Projekt entwickelt.

Das klingt danach, als ob diese Legislaturperiode nicht unbedingt ihre letzte als Bürgermeister sein muss.

Borgmann: Schauen wir mal.

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