Kabarettist Ingo Börchers
Bei ihm wimmelt’s kalkuliert

Lüdinghausen -

Ob Gesundheit, Altersvorsorge oder Facebook – der Kabarettist Ingo Börchers lässt in seinem Programm „Ferien auf Sagrotan“ auch schwierige Themen nicht aus. Bei seinem Auftritt in der Realschul-Aula am Samstagabend gab es für das Publikum viel zu lachen. Wobei es nicht selten vorkam, dass das Lachen im Halse stecken blieb.

Sonntag, 10.09.2017, 17:09 Uhr

Erwies sich am Samstagabend als Denker und „Humorarbeiter“: der Kabarettist Ingo Börchers, der auf Einladung der Freunde der Kleinkunst in der Realschule gastierte.
Erwies sich am Samstagabend als Denker und „Humorarbeiter“: der Kabarettist Ingo Börchers, der auf Einladung der Freunde der Kleinkunst in der Realschule gastierte. Foto: Ira Middendorf

Wenn Millionen Facebook-Nutzer posten, dass sie Angst um ihre Privatsphäre haben, dann ist das ein typischer „Börchers “: Der schnell sprechende Ost-Westfale gibt dem Publikum kaum Zeit, den Sinnzusammenhang zu erfassen, da ist er schon beim „entfernten Bekannten“, dessen reale Entsprechung in der Facebook-„Freunde“-Verwal­tungs­philosophie einen Bedeutungswandel erfährt.

Ingo Börchers, am Samstagabend auf Einladung der Freunde der Kleinkunst in der Aula der Realschule zu Gast, ist kein „Schenkelklopfer-Kabarettist“, auch wenn es in seinem Programm vor Kalauern und Witzen manchmal nur so wimmelt – sie wimmeln kalkuliert. Das führt dann und wann mal dazu, dass die Ebene, auf der die Lacher passieren, eine gänzlich andere ist, als die Ebene, auf der die gleichen Lacher im Halse stecken bleiben. Das irritiert dann ein bisschen und macht es den Zuschauern nicht ganz leicht, in den Rhythmus zu kommen.

Wer als Schüler heute noch Freizeit hat, macht was verkehrt

Ingo Börchers

Trotzdem ist „Ferien auf Sagrotan“ ein tolles Programm, das sich gesellschaftliche Missstände intelligent und nachdenklich vorknöpft und sie dem Publikum mal sarkastisch, mal humorvoll vorhält. Vor allem das Gesundheitssystem und seine Akteure, allen voran Ärzte, werden vordergründig witzelnd und kalauernd durch den Kakao gezogen. Hintergründig fallen dann allerdings Sätze, die aufmerken lassen: „Gesundheit ist kein Geschenk mehr, sondern zur Aufgabe geworden“, oder – in Bezug auf ein nur noch leistungsorientiertes Bildungssystem – „Wer als Schüler heute noch Freizeit hat, macht was verkehrt“.

Börchers ist ein Denker und ein echter „Humorarbeiter“ – seine Unterhaltung sprudelt nicht aus dem Bauch; sie ist durchdacht, was dem Vergnügen, ihm auf seinen Gedankengängen zu folgen, keinen Abbruch tut. Altersarmut beispielsweise und die mangelnde Möglichkeit, angesichts von massenhaft vorhandenen prekären Beschäftigungsverhältnissen adäquat vorzusorgen, sei nicht Folge eines Generationenkonfliktes, wie immer wieder betont werde, sondern dem klassischen Verteilungskampf zwischen Arbeit und Kapital geschuldet. Bei Börchers lohnt es sich eben, zweimal hinzuhören.

Alternativer Umgang mit Demenz

Brillant, pointiert und engagiert dann auch sein Schlussstück vor der Zugabe: unser Umgang mit den Alten. Ein echtes Plädoyer – gut vorbereitet und sehr berührend tritt Börchers für einen alternativen Umgang mit Demenz ein und das Recht, am Ende des Lebens „weniger werden zu dürfen“. Kaum überraschend dann auch sein sehr ernst gemeinter Appell an das Publikum, wählen zu gehen und die Welt nicht den Donald Trumps und Deutschland nicht den Rechten zu überlassen. Ein vordergründig unterhaltsamer und hintergründig nachdenklich stimmender und vielleicht auch aus diesem Grund sehr gelungener Kabarett-Abend.

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