Kleine Kunstwerke an Laternenmasten und Verkehrsschildern Der Männchen-Mann outet sich

Lüdinghausen -

Im Herbst vergangenen Jahres tauchten die ersten auf. Inzwischen kann man in Lüdinghausen von einer wahren Invasion sprechen. Immer mehr Laternenmännchen klammern sich an Masten und Verkehrsschilder. Jetzt hat sich der bislang unbekannte Schöpfer der kleinen Kunstwerke geoutet.

Von Michael Beer
Auf frischer Tat „ertappt“: Lothar Wannigmann bringt eines seiner Laternenmännchen an, die seit fast einem Jahr Lüdinghausen erobern und schon für viel Aufmerksamkeit gesorgt haben. Sein Enkel Phil (unten) hilft bereits beim Basteln und Anbringen der Figuren. Foto: mib/privat

Man nehme ein Kantholz von circa vier mal vier Zentimetern, einen alten Besenstiel, Reste von Aluschweißdrähten oder Kupferdraht – und schon ist der Grundstock für ein kleines Kunstwerk komplett. Ein wenig weinrote Farbe für den Anstrich des Körpers, Schraubverschlüsse von Milch- oder Kakaoverpackungen für die Hände und Füße, kleine Figuren aus Überraschungseiern oder von dem, was im Haushalt abfällt. Dann sind sie fertig, die Laternenmännchen.

Fast 150 von ihnen verschönern an Laternenmasten in Lüdinghausen und Seppenrade den Ort. Mittlerweile haben diese bunten Kerlchen viele Anhänger in sozialen Netzwerken. Die Kommentare, zum Beispiel auf Facebook, zeigen, dass die Kunstwerke gesehen werden. Doch rätselten die meisten Menschen bisher vergeblich, wer hinter dieser einmaligen Aktion wohl stecken mag. Nun hat der Künstler seine Anonymität aufgegeben.

Korkenmännchen in Münster waren Vorbild

Lothar Wannigmann heißt der Mann, der sich diesem ungewöhnlichen Hobby verschrieben hat. Inspiriert von einem Fernsehbericht über die „Korkenmännchen“ in Münster, machte er sich im Herbst des vergangenen Jahres sofort ans Werk und baute sein erstes Männchen. Wannigmann, der im Januar nach 38 Jahren bei Gelsenwasser in Rente ging, hatte ein neues Hobby gefunden.

Das kostet kaum Geld, erfreut aber viele Menschen, wie auf Facebook zu lesen ist. „Wer hat diese schönen Kerlchen aufgehängt?“ „Wir in Seppenrade hätten auch gerne welche.“ „Das ist Kunst, die man sich gut anschauen kann und nicht viel kostet.“ „Da sieht man, dass Kunst nicht teuer sein muss. Dem Künstler ein dickes Dankeschön.“ Das sind nur einige von vielen Kommentaren. Und fast täglich werden es mehr.

„Die Grundform ist bei allen Männchen gleich. Nur das Motiv in der rechten Hand, der Anstrich im Gesicht sowie die Kopfbedeckung machen aus jedem kleinen Kunstwerk ein Unikat“, erzählt Wannigmann. Rund 20 Minuten benötigt er für ein Exemplar. „Die Leute sollten nicht nur immer auf ihr Handy schauen, sondern mal nach oben, wenn sie durch die Stadt gehen. Wer die Lampenmännchen entdeckt hat, lacht und kommt schnell mit anderen Passanten darüber ins Gespräch“, berichtet er von Begegnungen in der „StadtLandschaft“ zwischen den Burgen. Dort ist fast jeder zweite Laternenmast mittlerweile bestückt.

Im Seegebiet, wo Wannigmann wohnt, nahm die „Laternenmännchen-Invasion“ ihren Lauf. Trotz der großen Anzahl an Figuren, die die Stadt inzwischen schmücken, wirken sie nicht inflationär, da die Einzigartigkeit jedes Modells gut zu erkennen ist: mal als Ritter, mal als Feuerwehrmann oder als Glücksschwein.

Doch nicht nur in Lüdinghausen ist diese Form der Kleinkunst zu finden. Im Urlaub vor zwei Wochen in Scharbeutz an der Ostsee hat Wannigmann sie ebenfalls aufgehängt. Zwei davon wurden leider gleich geklaut. Nachbarn, Freunde und Bekannte haben die possierlichen Exemplare schon nach Frankreich und Amerika verschickt. Wannigmann: „Wenn wir zu Freunden und Bekannten fahren, nehmen wir die Männchen als Geschenk mit.“

Eine Frau fühlte sich verfolgt von den Männchen

Eine Frau aus Seppenrade, vor deren Haus ein Männchen angebracht ist, fühlte sich dadurch allerdings verfolgt, nachdem sie noch weitere in Lüdinghausen entdeckt hatte. Sie vermutete kleine Kameras in den Kunstwerken. „Auf einer Party habe ich diese Frau dann getroffen und konnte sie beruhigen“, schmunzelt Wannigmann noch immer. Und seine Frau Elisabeth fügt hinzu: „Das scheint eine unendliche Geschichte zu sein.“

Bisher wussten nur wenige, wer hinter der Aktion steckt. „Selbst Geschwister oder Neffen waren nicht eingeweiht. Zusammen mit meinem Enkel Phil, der mir viel geholfen hat, haben wir früh morgens oder spät abends die Männchen mit Kabelbindern an den Masten befestigt“, lüftet Wannigmann das Geheimnis.

Als übrigens für diese Geschichte im Park zwischen den Burgen noch freie Laternenpfähle bestückt wurden, kamen zwei Frauen mit der Bitte auf ihn zu, auch Laternen vor ihren Häusern am Eichendorffring und an der Stadtfeldstraße zu bestücken. Ehrensache, dass sich der „Männchen-Macher“ nicht lange hat bitten lassen.

25 Weihnachtsmänner sind in Planung

Zu Weihnachten will er rund 25 kleine Weihnachtsmänner an die Laternenmasten hängen. Selbstredend verschwinden die nach den Feiertagen wieder und machen Platz für neue Versionen.

Und was sagt das Ordnungsamt der Stadt zur Kunstsammlung in ihren Mauern? „Wir dulden das, weil es keinen belästigt oder stört. Das war mit den Strickbändern vor einigen Jahren auch so. Verkehrs- und ordnungsrechtlich ist die Aktion aus meiner Sicht unproblematisch“, sagt Ordnungsamtsleiter Michael Pieper. Für Wannigmann lautet die Devise daher: weitermachen.

Eine Frage an Lothar Wannigmann

Wie kann es sein, dass Sie viele Monate die Laternenmännchen anbringen konnten, ohne erkannt zu werden? Lothar Wannigmann: Im Winter sind früh morgens oder abends kaum Leute unterwegs. Ich habe mir die Leiter am Fahrrad befestigt und bin durch die Stadt oder nach Seppenrade gefahren. Dort habe ich dann in etwa 2,50 Meter Höhe meine Laternenmännchen angebracht. Im Frühjahr war ich schon um 5 Uhr unterwegs. Und wenn Leute mal vorbeikamen, habe ich mir meinen Fahrradschal ins Gesicht gezogen.

Ein Blick nach Münster: