Hof in Coesfeld beschäftigt 19-Jährigen mit Down-Syndrom
Tobias nutzt seine Chancen

Coesfeld -

Tobias Koddebusch hat das Down-Syndrom. Trotz seiner Einschränkung bekam er auf einem Coesfelder Ferkel-Betrieb eine Chance - und ist dort inzwischen fest angestellt. Vorbildlich, findet der Landschaftsverband, und ehrt den Betrieb mit einem Preis. Ein Besuch vor Ort.

Samstag, 02.02.2019, 13:00 Uhr aktualisiert: 02.02.2019, 13:21 Uhr
Tobias Koddebusch im Ferkelstall: Der 19-Jährige aus Lüdinghausen arbeitet in einem Betrieb am Rande von Coesfeld. Das Besondere: Er hat das Down-Syndrom.
Tobias Koddebusch im Ferkelstall: Der 19-Jährige aus Lüdinghausen arbeitet in einem Betrieb am Rande von Coesfeld. Das Besondere: Er hat das Down-Syndrom. Foto: Gunnar A. Pier

Draußen liegt Schnee, aber Tobias lässt die Tür offen stehen. „Tür zu!“, sagt Silke Witte freundlich. Und noch mal: „Tür zu!“ Nicht ärgerlich sagt sie das, nicht genervt, sondern ruhig und geduldig. „Tobias ist eine große Bereicherung“, versichert die Betriebsleiterin. Der 19-Jährige hat das Down-Syndrom. Seit gut drei Jahren arbeitet er auf dem Ferkelhof am Rande von Coesfeld. Dafür gibt‘s am Montag den Sonderpreis „Vorbild Inklusion“ des Landschaftsverbands.

Den Hof Bertelsbeck in der Bauerschaft Stockum betreiben die Schweinemäster Bernhard Langehaneberg und Aloys Homann gemeinsam, um hier ihre eigenen Ferkel zu erzeugen. 550 Sauen leben in den Ställen, den Betrieb leitet Silke Witte. Dass sie irgendwann auf die Idee kam, einen Menschen mit einer geistigen Behinderung einzustellen, kommt nicht von ungefähr: „Mein Vater ist seit 28 Jahren Betriebsleiter auf dem Gut Kinderhaus von Westfalenfleiß“, erzählt die 33-Jährige. Der Umgang mit Behinderten gehört also auch für sie seit jeher zum Alltag. „Das hat mir immer unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe viel gelernt über zwischenmenschliches Verhalten und Teamwork.“

Als dann auf dem Hof Bertelsbeck eine Stelle zu besetzen war, kam sie auf die Idee, einem Menschen mit Einschränkungen eine Chance zu geben. Ein Anruf bei der Landwirtschaftskammer genügte, dort kannten sie Tobias Koddebusch, der genau auf so eine Chance hoffte. „Topf und Deckel sind jetzt aufeinander“, sagt Silke Witte.

Traumjob

Die Arbeit auf einem Bauernhof – das ist der Traumjob von Tobias. „Ich bin ja so aufgewachsen“, erzählt er. Auf einem Hof nahe Lüdinghausen. „Man sieht, dass man etwas geschafft hat“, findet er. In einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, wäre nichts für ihn gewesen: „Das ist Massenanfertigung.“

Besuch bei Tobias Koddebusch auf dem Hof Bertelsbeck

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  • Tobias Koddebusch aus Lüdinghausen hat seinen Traumberuf gefunden: Er arbeitet bei einem Ferkelerzeuger in Coesfeld.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Besondere: Der heute 19-Jährige hat das Down-Syndrom.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Eine Arbeit in einer Behindertenwerkstatt wäre nichts für ihn gewesen, sagt Tobias. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen - hier fühlt er sich wohl.

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  • Betriebsleiterin Silke Witte hatte von kleinauf mit Menschen mit Behinderung zu tun. So kam sie auf die Idee, Tobias zu engagieren.

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  • Zu seiner Arbeit gehören auch das Kupieren, Füttern und Impfen der Ferkel.

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  • Füttern erlaubt: Tobias verteilt Heu im Stall.

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  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier

"Das klappt super!"

Also begann er nach der Schule ein Jahrespraktikum auf dem Hof von Silke Witte. „Wir wollten mal gucken, ob das klappt“, sagt sie. Schnell war klar: „Das klappt super!“ Sie hatte einen zuverlässigen und herzensguten Mitarbeiter gefunden. Seit Anfang August 2016 ist er fest angestellt.

Also setzt er sich an vier Tagen in der Woche in Lüdinghausen in den Zug und fährt nach Coesfeld zur Arbeit. Tiere füttern, Kot wegschieben, Heu verteilen, Schwänze kupieren, Ferkel impfen. Schwierig? „Nee!“, sagt Tobias entschlossen. Seine Lieblingsarbeit: „Stall waschen“ mit dem Hochdruckreiniger.

"Man muss die Nerven bewahren"

„Aber man muss sich schon auf ihn einstellen“, sagt Silke Witte. Denn so engagiert und motiviert ihr Mitarbeiter auch zu Werke geht: Das Mitdenken fällt ihm schwerer als anderen. „Vieles, was uns logisch erscheint, ist für Tobias nicht logisch.“ Die Sache mit der Tür etwa, die im Sommer offen stehen darf, im Winter aber bitte nicht. „Ich muss immer wieder kontrollieren, was er macht. Er wird nie ein ganz selbstständiger Mitarbeiter sein.“ Aber Witte sagt das alles andere als verzweifelt: „Man muss die Nerven bewahren, es geht eben nicht immer geradeaus.“

LWL-Sonderpreis "Vorbild Inklusion"

Für die ganz offenbar gelungene Zusammenarbeit bekommt der Betrieb Bertelsbeck den Sonderpreis „Vorbild Inklusion“. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) will damit Arbeitgeber prämieren, die Menschen mit Behinderung außerhalb von Inklusionsbetrieben auf den ersten Arbeitsmarkt integrieren. Überreicht wird der Preis am kommenden Montag.

Die Auszeichnung ist mit 5000 Euro dotiert. Das Geld ist bereits ausgegeben: Der Betrieb hat Tobias ein Klapp-E-Bike gekauft, das er für die alltäglichen Wege zum und vom Bahnhof nutzt.

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Tobias Koddebusch

Tobias Koddebusch Foto: Gunnar A. Pier

LWL und Arbeitsagentur helfen

Witte schätzt, dass Tobias Koddebusch etwa halb so viel Arbeit schafft, wie möglich wäre. Arbeitsagentur und Landschaftsverband übernehmen deshalb die Hälfte seines Lohns. Alle zwei Jahre wird geschaut, wie er sich macht, wie viel er schafft und wie hoch der Zuschuss künftig sein soll. „Die Idee ist, dass der auf Dauer wegfällt“, erklärt Witte.

Davon gehe sie derzeit allerdings nicht aus, wenngleich sie erfreut von großen Fortschritten berichtet: „Er ist schon viel selbstständiger geworden, seine Hemmschwellen sinken.“

Und wer weiß: Vielleicht wird er eines Tages wie selbstverständlich die Stalltür zuschlagen, wenn draußen Schnee liegt.

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