Gertrud Voß ist im Turmfenster von St. Felizitas abgebildet
Eine Reverenz an die Stifterin

Lüdinghausen -

Menschliche Darstellungen sind nichts Ungewöhnliches in Kirchenfenstern. Wer allerdings beim großen Turmfenster der Pfarrkirche St. Felizitas genauer hinschaut, entdeckt dort ein Antlitz, das einem Foto schon sehr nahe kommt. Es zeigt das Gesicht von Gertrud Voß, die dort aus gutem Grund dargestellt wird.

Mittwoch, 24.04.2019, 08:00 Uhr
Im dritten Feld der unteren Fensterreihe ist das Antlitz von Gertrud Voß zu sehen. Ein Engel hält der Stifterin des großen Turmfensters von St. Felizitas eine Krone über den Kopf.
Im dritten Feld der unteren Fensterreihe ist das Antlitz von Gertrud Voß zu sehen. Ein Engel hält der Stifterin des großen Turmfensters von St. Felizitas eine Krone über den Kopf. Foto: Anne Eckrodt

Ungezählte Kirchenbesucher dürften schon durch das Hauptportal von St. Felizitas gegangen sein, ohne dass sie ihnen aufgefallen ist, die Besonderheit im Turmfenster darüber. Genauer im dritten Feld der unteren Reihe. Eine Frau in einem langen blauen Kleid, der ein Engel eine Krone über den Kopf hält, ist dort zu sehen. Soweit noch nichts Außergewöhnliches für ein Kirchenfenster. Doch wer genauer hinsieht, stellt fest: Das Gesicht hat ein auffallend menschliches Antlitz, das einem Foto sehr nahe kommt. Und tatsächlich gab es die dort dargestellte Frau. Es ist Gertrud Voß .

Die Menschen betrieben eine Art Jenseitsfürsorge, indem sie beispielsweise der Gemeinde Geld spendeten und verfügten, dass dafür nach ihrem Tod Gebete gehalten und Messen gelesen wurden.

Michael Kertelge

Dass der Kirchenmaler Friedrich Stummel sie vor 120 Jahren im größten, aus 64 Einzelscheiben bestehenden Fenster von St. Felizitas verewigte, hat einen besonderen Grund: Gertrud Voß stiftete das Fenster. Und nicht nur das. Als die unverheiratete Frau 1894 im Alter von 37 Jahren starb, hinterließ sie der Kirche 15 700 Mark. Per Testament verfügte sie, dass ein Teil „zur Beschaffung eines Turmfensters, zur Hebung des Chorgesangs“ sowie für verschiedene Benefizien verwendet werden sollte. Das sei früher durchaus üblich gewesen, wissen Ludger Pieper und Jörg Berendes, die sich ehrenamtlich um das Kirchenarchiv kümmern. „Die Menschen betrieben eine Art Jenseitsfürsorge, indem sie beispielsweise der Gemeinde Geld spendeten und verfügten, dass dafür nach ihrem Tod Gebete gehalten und Messen gelesen wurden“, erläutert Pastoralreferent Michael Kertelge bei einem Ortstermin zu Füßen des Turmfensters von St. Felizitas.

Dass Gertrud Voß der Kirche nach ihrem Tod 15 700 Mark hinterlassen konnte, habe einen tragischen Grund gehabt, erzählt Pieper. Sie wuchs auf einem Hof in der Bauerschaft Aldenhövel auf. „Als sowohl ihre Eltern als auch ihr einziger Bruder kurz nacheinander starben, war sie als unverheiratete Frau gezwungen, das Haus samt Stallungen und Ländereien zu verkaufen“, so Pieper. Wenn er bei Kirchenführungen mit Lüdinghausern von der Stifterin des Fensters erzählt, stellt er immer wieder fest: „Viele kennen den nach wie vor existierenden Hof.“

Als sowohl ihre Eltern als auch ihr einziger Bruder kurz nacheinander starben, war sie als unverheiratete Frau gezwungen, das Haus samt Stallungen und Ländereien zu verkaufen.

Ludger Pieper

Apropos: Gertrud Voß hat nicht verlangt, dass ihr Konterfei in dem Fenster abgebildet wird. Zu diesem Schluss sind Berendes und Pieper bei ihren Recherchen im Kirchenarchiv gekommen. Die Darstellung sei vielmehr eine Reverenz der Gemeinde und des Künstlers an die Stifterin.

Dabei hat Stummel (1850-1919), der sich zunächst als Kirchenmaler unter anderem der Wallfahrtskirche in Kevelaer einen Namen gemacht hat und erst später auf die Glasmalerei umgestiegen ist, das Turmfenster von St. Felizitas nicht einfach nur bebildert. „Es stellt die kirchliche Hoffnung dar. Wenn man es von innen betrachtet, sind auf der linken Seite die Auferstandenen zu sehen, die von Engeln zu Christus gebracht werden“, erläutert Kertelge die Szenen. Rechts hingegen seien die Verdammten dargestellt, die Richtung Hölle gingen, während teuflische Wesen an ihnen zerrten. „Bei all dem hat Friedrich Stummel seine eigene Sicht auf die Dinge eingebracht und dabei auch durchaus politische Aussagen gemacht“, betont Kertelge. So finden sich im rechten Fensterteil, der Seite der Verdammten, auch ein Papst, ein Bischof und ein König. Kertelge: „Das ist durchaus als kirchenkritische, politische Aussage zu verstehen.“

Bei all dem hat Friedrich Stummel seine eigene Sicht auf die Dinge eingebracht und dabei auch durchaus politische Aussagen gemacht.

Michael Kertelge

Er schwärmt von der Farbintensität des Turmfensters, die besonders nachmittags, wenn die Sonne darauf steht, ihre ganze Intensität entfaltet. Ein Anblick, den Gertrud Voß mit ihrer Stiftung vor mehr als 120 Jahren möglich gemacht hat. Ob die Wirkung ihrer Jenseitsfürsorge eingetreten ist? „Das weiß man nicht“, sagt Pieper. Für Kertelge steht jedoch fest: „Mit diesem Fenster hat sie vielen eine Freude gemacht.“

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