Durchschnittsalter des Stadtrates liegt bei 55 Jahren
Junge Leute und Frauen fehlen

Lüdinghausen -

Die Kommunalpolitik in Lüdinghausen wird überwiegend von Ratsmitgliedern jenseits der 50 gestaltet. Das Durchschnittsalter der Stadtverordneten liegt bei 55 Jahren. Doch nicht nur jüngere Menschen sind im Rat der Steverstadt unterrepräsentiert.

Donnerstag, 09.05.2019, 00:00 Uhr
Die Grafik macht es deutlich: Die meisten Ratsmitglieder sind älter als 50, und der Großteil sind Männer.
Die Grafik macht es deutlich: Die meisten Ratsmitglieder sind älter als 50, und der Großteil sind Männer. Foto: Ann-Kathrin Schriever

Prof. Norbert Kersting formulierte es bewusst provokant: „Die Senioren werden die Räte dominieren“, so der münstersche Politologe vor der Enquêtekommission des Landtags zur Stärkung der parlamentarischen Demokratie, die kürzlich zu einer Expertenanhörung in Münster war. „Die These trifft des Pudels Kern“, stimmt Bernhard Möllmann , CDU-Vorsitzender und Fraktionschef in Personalunion, dem Wissenschaftler zu. „Das ist Realität – auch hier bei uns in Lüdinghausen“, betont der 56-Jährige im Gespräch mit den WN.

Die Zahlen belegen das: Das Durchschnittsalter der Stadtverordneten liegt bei 55 Jahren. Kein Wunder also, dass die 50- bis 59-Jährigen mit zwölf beziehungsweise die 60- bis 69-Jährigen mit zehn Vertretern die mit Abstand größten Gruppen sind. Danach folgen die 40- bis 49-Jährigen mit fünf Ratsmitgliedern, zwischen 70 und 79 sowie zwischen 30 und 39 Jahren sind jeweils drei Kommunalpolitiker. Jünger ist gerade mal ein Stadtverordneter – der 26-jährige Niko Gernitz, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Doch es ist nicht alleine die Altersstruktur, in der es ungleiche Verhältnisse gibt: Im Rat der Steverstadt sind, wie in vielen anderen Orten, auch deutlich weniger Frauen vertreten, nämlich gerade einmal acht – gegenüber 26 Männern.

Ein Gremium wie der Stadtrat sollte den Querschnitt der Bevölkerung abbilden.

Eckart Grundmann (Grüne)

Eine Situation, mit der sich alle Parteien konfrontiert sehen. „Es ist ein grundsätzliches Problem, überall fehlen die jungen Leute und die Frauen“, bringt es FDP-Fraktionschef Gregor Schäfer (46) auf den Punkt. Eckart Grundmann, Fraktionssprecher der Grünen und mit 55 genau im Durchschnittsalter des Rates, formuliert es noch drastischer: „Es ist zum Weinen. Ein Gremium wie der Stadtrat sollte den Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Stattdessen dominieren hier alte, weiße Männer.“ Es sei einfach ein „Riesenproblem, Nachwuchs zu finden“, schildert auch Markus Kehl (50), Fraktionsvorsitzender der UWG, die Situation.

Als einen wesentlichen Grund dafür nennen die Kommunalpolitiker unisono den Zeitaufwand: mehrstündige Ausschuss- und Ratssitzungen mit entsprechender Vorbereitung, die Arbeit in den Parteigremien – „die Zeit dafür fehlt Berufstätigen vielfach“, weiß Dr. Klaus Waldt ( CDU ). Der 77-Jährige ist nicht nur der älteste Stadtverordnete, sondern verfügt über fast 40 Jahre Ratserfahrung. Die These des Politologen Kersting teilt er dennoch nicht. In seinen Augen hat eine gewisse Lebens- und Berufserfahrung auch Vorteile für die politische Arbeit. Waldt: „Das sorgt für Gelassenheit, und die ist wichtig.“ Nichtsdestotrotz sei für ihn mit der Kommunalwahl im nächsten Jahr Schluss, „vielleicht auch schon früher“, kündigt der 77-Jährige an.

Eine längerfristige Bindung wollen viele nicht.

Gregor Schäfer (FDP)

Doch es ist offensichtlich nicht alleine der Zeitfaktor. Die Vertreter nahezu aller Parteien machen die Erfahrung, dass sich auch jüngere Menschen „durchaus für politische Arbeit begeistern lassen“ (Möllmann). Allerdings nicht auf Dauer. „Sie engagieren sich für Projekte, vor allem bei Themen, die sie selbst tangieren. Doch danach sind sie wieder weg“, berichtet der Unionspolitiker. Und Schäfer bekräftigt: „Eine längerfristige Bindung wollen viele nicht. Dabei brauchen wir dringend Kontinuität.“

Für den „Junior“ im Lüdinghauser Stadtrat ist das nicht nur in der Politik zu beobachten. „Ich glaube, wir erleben da einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Es sind längst nicht mehr so viele Menschen bereit, Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen“, meint Gernitz. Das trifft auf ihn so gar nicht zu: Der frisch vereidigte Referendar, der an der Sekundarschule in Telgte Englisch und Politik unterrichtet, zog bereits mit 21 Jahren in den Stadtrat ein. Auf die Frage, was ihn antreibt, muss der 26-Jährige nicht lange nach einer Antwort suchen: „Andere Leute reisen gerne oder machen Sport, mein Hobby ist die Politik. Dafür möchte ich gerne auch andere begeistern.“

Kommunalwahl 2020 im Blick

Das scheint ihm zu gelingen. Mit Blick auf die Kommunalwahl 2020 kündigt der SPD-Vorsitzende an: „Es zeichnet sich ab, dass bei uns recht viele junge Leute auf den Listen stehen werden.“ Einige ältere Stadtverordnete hätten bereits angekündigt, ins zweite Glied treten zu wollen. Ähnliches berichtet auch Möllmann. „Wir haben im Parteivorstand mehrere neue Gesichter. Ich bin zuversichtlich, dass wir einige von ihnen als Kandidaten für die Kommunalwahl gewinnen können“, ist der CDU-Chef optimistisch, dass 2020 eine Verjüngung des Stadtrates gelingen wird.

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