Kegelclub wird 100 Jahre alt
Die „Schreihälse“ verstummen

Lüdinghausen -

Der wohl älteste Kegelklub Lüdinghausens wird 100 Jahre alt. Wer gratulieren will, muss sich allerdings sputen. Denn nach dem großen Jubiläum Mitte August lösen sich die „Schreihälse“ auf. Der Name rührt von den Gründern her: Sie waren gerade den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs entkommen und wollten ihre neu gewonnene Lebensfreude lautstark genießen.

Donnerstag, 08.08.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 08.08.2019, 06:02 Uhr
Blicken auf die 100-jährige Geschichte der „Schreihälse“ zurück (v.l.): die Kegelbrüder Dr. Josef Reher, Josef-Georg Lütkemöller, Erhard Witte, Jo Weiand, Ludger Mertens und Dr. Peter Schwienbacher.
Blicken auf die 100-jährige Geschichte der „Schreihälse“ zurück (v.l.): die Kegelbrüder Dr. Josef Reher, Josef-Georg Lütkemöller, Erhard Witte, Jo Weiand, Ludger Mertens und Dr. Peter Schwienbacher. Foto: privat

Der wohl älteste Kegelclub Lüdinghausens wird 100 Jahre alt. Wer gratulieren will, muss sich allerdings sputen. Denn nach dem großen Jubiläum, das die Kegelbrüder mit Ehefrauen und Witwen kürzlich verstorbener Mitglieder am 16. August (Freitag) feiern, lösen sich die 1919 gegründeten „Schreihälse“ auf. Der Grund: Der jüngste Kegler ist 67 Jahre alt, der älteste 92 – und alle Versuche, Nachwuchs zu rekrutieren, sind fehlgeschlagen.

Aktiv sind die „Schreihälse“ bereits jetzt nicht mehr. „Wir haben schon seit Wochen nicht mehr gekegelt“, sagt Erhard Witte , der Präsident des Clubs und selbst schon 82 Jahre alt. Als einer der sechs noch verbliebenen Kegelbrüder erkrankte, beschlossen auch die anderen, nach einem Jahrhundert die Kugeln endgültig beiseite zu legen und die Kegel in Ruhe zu lassen. Nach der Jubiläumsfeier werden die bisherigen „Schreihälse“ nur noch miteinander sprechen, als Stammtisch.

Die ersten „Töne“ gab der Kegelclub im August 1919 von sich, von jungen Männern, die gerade erst von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zurückgekehrt waren. „Sie wollten die Schrecken vergessen und beschlossen daher, sich einmal wöchentlich im Gesellenhaus zu treffen und gemeinsam zu kegeln“, sagt Witte, der sich eingehend mit der Historie des Clubs befasst hat.

Wenn jemand Kranzhand warf, bekam der Kegeljunge noch etwas Geld obendrauf.

Erhard Witte

Nach den Entbehrungen des Krieges sei es bei diesen Treffen nicht unbedingt lautlos zugegangen. Das war den jungen Ex-Soldaten selbst wohl auch bewusst – sie nannten ihren neuen Club „Schreihälse“. Die Namen der Gründungsmitglieder: Oskar Fernis, Hans Fruntke, Ignaz Glade, Engelbert Havestadt, Karl und Nikolaus Heitmann, Paul Hömberg , Josef Richter, August und Franz Rüschkamp sowie Franz Schnieder.

Dabei war der Hobbysport in den ersten Jahrzehnten eine durchaus mühselige Beschäftigung – für den „Kegeljungen“, der bis zur Automatisierung der Kegelbahnen in den 70er Jahren unerlässlich war. Witte, der sich 1967 den „Schreihälsen“ anschloss, hat es noch selbst erlebt: „Der Kegeljunge musste die abgeräumten Kegel nach jedem Wurf wieder aufstellen und bekam Geld dafür. Und wenn jemand Kranzhand warf (das Abräumen aller Kegel bis auf den in der Mitte stehenden König, d. Red.), bekam der Junge noch etwas Geld obendrauf.“

Doch auch sonst war der Treff im Gesellenhaus, dem späteren Kolpinghaus am Ostwall, nicht mit heutigen Kegelbahnen zu vergleichen. Die „Schreihälse“ kegelten auf einer überdachten Bahn im Garten. Witte: „Bei Regen mussten Schirme aufgestellt werden, damit es nicht ins Bier dröppelte. Im Winter mussten die Kegler trotz des oft glühenden Kanonenofens ihre Mäntel anziehen.“ Auch die Bahn selbst war im Vergleich zu heute bescheiden: „Es gab zum Beispiel keine so genannte Schere. Daher rollten die Kugeln weniger gezielt und kontrolliert.“

Bei Regen mussten Schirme aufgestellt werden, damit es nicht ins Bier dröppelte.

Erhard Witte

Das galt jedoch auch für andere Kegelclubs dieser Zeit. So waren die „Schreihälse“ bei Wettbewerben – um im Bild zu bleiben – auf der gleichen Dezibelstärke wie ihre Mitbewerber, also sportlich konkurrenzfähig. So gewannen sie am 4. April 1927 die Lüdinghauser Meisterschaft auf der heimischen Bahn. In späteren Jahren belegten sie bei dem umkämpften Wettbewerb wiederholt einen guten Platz im Mittelfeld. Besonders stark seien dabei Dr. Josef Reher und Ludger Mertens gewesen, weiß Witte.

Im Laufe der Jahre wechselte der Club mehrfach die Bahn. Vom Gesellenhaus ging es zum Burghof Richter, später zum „Hotel zur Post“, dann zur damaligen Gaststätte Münstertor. In den letzten Jahren fanden die „Schreihälse“ wieder im Hotel zur Post ihr altes und neues sportliches Zuhause.

Sechs Präsidenten leiteten in den 100 Jahren die Geschicke des Kegelclubs. In den ersten Jahren stand Karl Heitmann den „Schreihälsen“ vor, dann Paul Hömberg, Karl Hubbert, Fritz Jütte und Otto Ortmann. 1987 übernahm Witte, der nun gemeinsam mit seinen Kegelbrüdern Josef Georg Lütkemöller, Ludger Mertens, Dr. Josef Reher, Dr. Peter Schwienbacher und Jo Weiand die langjährige Historie beschließen wird.

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