„Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
Menschen die Würde zurückgeben

Lüdinghausen -

Es war ein Zufall, durch den Michael Kertelge auf das Thema aufmerksam wurde. Doch dann hat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und die Rolle des Lüdinghauser Kreismedizinalrates Dr. Wilhelm Appelmann den Pastoralreferenten und Historiker nicht mehr losgelassen. Das hat auch etwas mit der Würde der Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurden, zu tun.

Dienstag, 20.08.2019, 09:00 Uhr
Michael Kertelge recherchierte zu einem ganz anderen Thema, als er per Zufall auf das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und den Lüdinghauser Kreismedizinalrat Dr. Wilhelm Appelmann stieß. Die Akten aus der Zeit lagern im Kreisarchiv in Coesfeld.
Michael Kertelge recherchierte zu einem ganz anderen Thema, als er per Zufall auf das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und den Lüdinghauser Kreismedizinalrat Dr. Wilhelm Appelmann stieß. Die Akten aus der Zeit lagern im Kreisarchiv in Coesfeld. Foto: Michael Kertelge

Das Thema ist alles andere als einfach. Und darauf gestoßen ist Michael Kertelge eher durch einen Zufall. Doch dann hat es ihn nicht mehr losgelassen, das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, erlassen am 14. Juli 1933, in Kraft getreten am 1. Januar 1934. Warum das so ist? „Das waren alles liebenswerte Menschen, die von dem Sterilisationsgesetz betroffen waren. Ich wünsche mir, dass sie etwas von ihrer Würde zurückbekommen, indem wir uns heute damit befassen“, beschreibt der Pastoralreferent und begeisterte Historiker seine Beweggründe, sich durch 548 Akten – jede ein Einzelschicksal – zu arbeiten und dafür zusammengerechnet 30 Tage in Archiven zu verbringen – während der Freizeit wohlgemerkt.

Rückblick: Vor einigen Jahren schrieb Kertelge einen Aufsatz über den jüdischen Friedhof in Lüdinghausen. Bei der Recherche stieß er nach einem Hinweis von Kreisarchivarin Ursula König-Heuer auf Unterlagen zum „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und auf Dr. Wilhelm Appelmann .

Formal war das Gutachten okay, aber man hätte den katholischen Friedhof 200 Meter weiter ebenso schließen müssen, was nicht passierte.

Michael Kertelge

Der Lüdinghauser war seinerzeit Kreismedizinalrat und erstellte ein Gutachten für den Friedhof, der geschlossen werden sollte – „wegen des ekelerregenden Zustands“, zitiert Kertelge aus den Akten. „Formal war das Gutachten okay, aber man hätte den katholischen Friedhof 200 Meter weiter ebenso schließen müssen, was nicht passierte.“ Der jüdische Friedhof hingegen wurde 1939 geschlossen.

Kertelges Interesse an der Person des Kreismedizinalrats war geweckt. Im Staatsarchiv in Düsseldorf hat er die Entnazifizierungsakte des 1961 verstorbenen Appelmann eingesehen – und später festgestellt, dass der Kreismedizinalrat es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. „Appelmann war in der SS, das hat er jedoch in einem in der Akte enthaltenen Bogen verschwiegen“, macht Kertelge deutlich. Der Mediziner studierte unter anderem an der damaligen Sozialhygieneakademie in Berlin, an der das Thema Eugenik sehr positiv dargestellt wurde. „Er war von dem Thema regelrecht angefixt, das merkt man, sobald man sich etwas intensiver mit der Person befasst“, hat Kertelge festgestellt.

Indikation angeborener Schwachsinn

Durch das Gesetz waren Ärzte, Krankenpflegepersonal, Hebammen und alle anderen Angehörigen von Heil- und Pflegeberufen sowie Pädagogen verpflichtet, Patienten, die für eine Zwangssterilisation in Frage kamen, zu melden. Zudem benötigten Paare, die heiraten wollten, Ehetauglichkeitszeugnisse, wenn der Standesbeamte Zweifel hatte. Auch dann mussten sie dafür beim Kreisarzt vorstellig werden, ebenso bei der Gewährung von Ehestandsdarlehen. Von den 548 Menschen hinter den Fallakten aus dem Altkreis Lüdinghausen, die heute im Kreisarchiv in Coesfeld lagern, wurden 371 Menschen zwangssterilisiert.

„Die mit Abstand häufigste Indikation für eine Zwangssterilisation war angeborener Schwachsinn mit knapp 69 Prozent“, hat Kertelge herausgefunden. „Diese alles andere als trennscharfe Diagnose zeigt schon, wie wenig medizinisch, sondern oftmals rein politisch motiviert die Entscheidungen des sogenannten Erbgesundheitsgerichts waren. Hinzu kommt, dass viele der Betroffenen rein zufällig in den Fokus der Behörden geraten sind.“ Als weitere Diagnosen listet Kertelge Epilepsie, Schizophrenie, angeborene Blindheit und Taubheit sowie schweren Alkoholismus auf. Das Gericht urteilte übrigens nahezu spontan: Gerade einmal siebeneinhalb Minuten Zeit nahmen sich die Richter im Schnitt pro Fall, hat Kertelge festgestellt.

Dafür mussten die Menschen wieder zu den Gesundheitsämtern und die gleiche Tortur noch einmal durchleiden.

Michael Kertelge

Obwohl die meisten Fälle nach seiner Recherche bis 1937 abgearbeitet waren, hat der Lüdinghauser Kreismedizinalrat „fleißig weiter gemeldet. Über 90 Prozent der im Kreis Coesfeld gestellten Anträge auf Zwangssterilisation stammen von ihm. Und er stellte auch Wiederaufnahmeanträge für Verfahren – selbst im Krieg noch“, erläutert Kertelge. Er hat festgestellt, dass kaum jemand, der zwangssterilisiert wurde, später einen Wiedergutmachungsantrag gestellt hat – was den Historiker nicht wundert. „Dafür mussten die Menschen wieder zu den Gesundheitsämtern und die gleiche Tortur noch einmal durchleiden.“ Das Gesetz wurde übrigens nach Kriegsende 1945 nicht aufgehoben. Erst 1998 wurden die ergangenen Urteile aufgehoben.

Kertelge, der in Verbindung zu einem Enkel von Appelmann steht, hat zu dem Thema kürzlich einen Vortrag in der Familienbildungsstätte gehalten. Daran nahmen auch Angehörige von Menschen teil, die zur Zeit des Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurden. „Mir ist es einfach ein Anliegen, Menschen, die keine Lobby haben, im übertragenen Sinne Gehör zu verschaffen. Damals wurde über lebenswertes und lebensunwertes Leben entschieden. Das hatte grausame Folge für die Menschen“, beschreibt Kertelge seine Motivation, sich mit den Zwangssterilisationen im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Das große Inter­esse und die vielen Nachfragen der Teilnehmer haben ihn veranlasst, den Vortrag im Herbst zu wiederholen. „Bis dahin ist auch mein Aufsatz zu dem Thema fertig“, kündigt der Historiker an.

Zum Thema

Wer sich für das Thema interessiert, kann per E-Mail Kontakt zu Michael Kertelge aufnehmen (michael.kertelge@web.de).

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6859868?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F163%2F
Der Müll bleibt länger liegen
An einigen Stellen in Münster sah es aus wie hier am Aa-Seitenweg am Zentrum Nord: randvolle Papierkörbe und verstreuter Abfall.
Nachrichten-Ticker