Hebammenausbildung wird reformiert
Ab 1. Januar nur noch mit Studium

Lüdinghausen -

Wer in Deutschland Hebamme werden möchte, muss ab dem 1. Januar ein duales Studium absolvieren. Was diese Neuregelung bedeutet, darüber haben sich die WN mit zwei Frauen vom Fach unterhalten.

Freitag, 08.11.2019, 11:00 Uhr
Annette Höning (l.) betreibt eine Hebammenpraxis im Marien-Campus, Anna Büscher ist Kreisvorsitzende des Hebammenkreises Coesfeld.
Annette Höning (l.) betreibt eine Hebammenpraxis im Marien-Campus, Anna Büscher ist Kreisvorsitzende des Hebammenkreises Coesfeld. Foto: Bastian Becker

Heute werden in der Sitzung des Bundesrats die letzten Details geklärt. Zum 1. Januar wird dann das Hebammenreformgesetz umgesetzt. Wer Hebamme beziehungsweise Entbindungshelfer werden will, soll künftig ein duales Studium absolvieren. „Das ist ein absolutes Muss“, meint Anna Büscher , Kreisvorsitzende des Hebammenkreises Coesfeld. Denn die bisherige dreijährige Ausbildung an den Hebammenschulen im Land sei im internationalen Vergleich „etwas altbacken. Deutschland hat ein bisschen geschlampt“, so Büscher.

Deutschland hat ein bisschen geschlampt.

Anna Büscher, Kreisvorsitzende des Hebammenkreises Coesfeld

Ihre Lüdinghauser Kollegin Annette Höning, die unter anderem eine Praxis im Marien-Campus hat und seit 1981 als Hebamme tätig ist, sagt zu dem Thema: „Ich habe ein paar Zweifel, die praktische Seite sollte nicht auf der Strecke bleiben.“ Wichtig ist für Büscher, dass nicht der Eindruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen studierten und nach dem alten Modell ausgebildeten Hebammen entsteht. „Wir dürfen keinen auf der Strecke lassen und müssen allen die Möglichkeit geben, sich weiterzuqualifizieren“, fordert die 32-Jährige. Regelmäßige Fortbildungen (60 Schulstunden in drei Jahren) sind für Hebammen ohnehin gesetzlich vorgeschrieben.

Büscher selbst beendete 2011 ihre Ausbildung und schloss 2016 ihr dreijähriges Studium in Köln mit dem Bachelor ab. „Der wissenschaftliche Aspekt wird natürlich stärker behandelt, das haben wir in unserer Ausbildung nur kurz angerissen“, erklärt die Kreisvorsitzende, die unter anderem in Hönings Praxis in Selm arbeitet. Zudem sorge die Ausbildung an der Universität für Qualitätssicherung.

Für das, was wir kriegen, kommt kein Handwerker raus.

Hebamme Annette Höning

Klar ist aber auch: „Den Frauen ist es egal, ob da ein Bachelor vor ihnen steht. Empathie und Qualität sind wichtig“, verdeutlicht Büscher. Allerdings berichtet Höning: „Manche Frauen fragen mich sogar, ob wir studiert haben.“ Die veränderte Ausbildung könne den Stellenwert gegenüber anderen Berufsgruppen durchaus erhöhen. Das Aufgabenspektrum, das die Hebammen vom Kinderwunsch bis zum Ende der Stillzeit abdecken, ist breit. Beispielsweise können sie wie Gynäkologen die Schwangerschaft feststellen und auch einen Mutterpass ausstellen. Höning (58) kümmert sich heute vorwiegend um die Betreuung in der Schwangerschaft und nach der Geburt, Büscher ist als Familienhebamme in der Vor- und Nachbetreuung und in der Rückbildung aktiv, zudem ist sie beim Landesverband in Köln beschäftigt.

Trotz der Reform ist für die beiden Hebammen weiterhin einiges verbesserungswürdig. Vor allem die Bezahlung: „Für das, was wir kriegen, kommt kein Handwerker raus“, meint Höning angesichts einer Pauschale von 38,46 Euro für einen Wochenendbesuch. Dabei ist es egal, ob dieser zehn Minuten oder mehrere Stunden dauert. Büscher kritisiert die Arbeitsbedingungen in den Kreißsälen (Überstunden, Personalmangel, dadurch entstehende Krankheiten) und die pauschalisierte Bezahlung bei Geburten.

Aus Hönings Sicht hat sich im Laufe der Jahre das Verhalten der Frauen mit Kinderwunsch spürbar verändert. Die Ansprüche an Hebammen seien höher, „außerdem verlieren Frauen ihr Körpergefühl“, beobachtet sie. Eigentlich mache man viel instinktiv richtig. „Heute sagt einem eine App, wann der letzte Eisprung war“, pflichtet Büscher bei.

Trotz aller Schwierigkeiten können beide Hebammen jungen Menschen aber empfehlen, heute Hebamme beziehungsweise Geburtshelfer zu werden. „Ich liebe den Beruf auch heute noch, vor allem wegen der Vielfalt der Arbeitsmöglichkeiten“, freut sich Höning. Büscher ergänzt: „Ich kann selbstständig arbeiten und allein entscheiden, wie ich mich aufstelle.“ Und Eines ist auch in Zukunft sicher gewiss: Hebammen werden immer gebraucht.

Reform der Hebammenausbildung

Wer Hebamme beziehungsweise Entbindungshelfer werden möchte, muss künftig ein duales Studium absolvieren. Den Abschluss bildet eine staatliche Prüfung. Während des Studiums erhalten die angehenden Hebammen eine Vergütung. Die Praxisanteile werden im Krankenhaus oder im ambulanten Bereich absolviert. Bisher werden Hebammen und Entbindungshelfer an Hebammenschulen vorbereitet. Übergangsweise ist das noch bis 2022 möglich. Mit der Umstellung setzt Deutschland als letzter EU-Mitgliedstaat die Berufsanerkennungsrichtlinie der Europäischen Union um. Damit können in Deutschland ausgebildete Hebammen europaweit tätig werden

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