Zeitzeugin zu Gast am St. Antonius-Gymnasium
Starkes Plädoyer für Menschlichkeit

lüdinghausen -

Die ehemalige Lüdinghauserin Ruth Weiss erzählte vor 150 Schülern am St. Antonius-Gymnasium von ihrer Kindheit als jüdisches Mädchen in Deutschland und Südafrika. Als Weiss acht Jahre alt war, veränderte sich plötzlich alles.

Dienstag, 12.11.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 13.11.2019, 15:44 Uhr
Über den Besuch von Ruth Weiss und Lutz Kliche (vorne) freuten sich Meike Klingauf (hinten v.l.), die Schülerinnen Nadine Walaszek und Madeleine Schulze Kökelsum sowie Johannes Kretschmer.
Über den Besuch von Ruth Weiss und Lutz Kliche (vorne) freuten sich Meike Klingauf (hinten v.l.), die Schülerinnen Nadine Walaszek und Madeleine Schulze Kökelsum sowie Johannes Kretschmer. Foto: beb

Ruth Weiss ist eine Botschafterin der Menschlichkeit“, fasste Meike Klingauf, Oberstufenkoordinatorin am St.-Antonius-Gymnasium, treffend zusammen. Die 95-jährige Schriftstellerin war am Montag gemeinsam mit ihrem Lektor Lutz Kliche in der Schule zu Gast und erzählte vor etwa 150 Schülern der Jahrgangsstufen acht bis zehn von ihrem Leben als jüdisches Mädchen in Deutschland und später nach ihrer Auswanderung in Südafrika.

Zwischendurch las Kliche zwei eindrucksvolle Passagen aus Weiss’ Autobiografie „Wege im harten Gras“ vor. Weiss hatte selbst zehn Jahre lang in Lüdinghausen gelebt, seit drei Jahren wohnt sie bei der Familie ihres Sohnes in Dänemark.

Die Kinder saßen alle zusammengedrückt weit entfernt von mir.

Ruth Weiss

Die heute 95-Jährige wuchs in Fürth auf, einer Stadt, die ganz im Gegensatz zum großen Nachbarn Nürnberg aufgrund des hohen Anteils jüdischer Bürger Anfang des 20. Jahrhunderts das „fränkische Jerusalem“ genannt wurde. „Bis ich achteinhalb war, gehörte ich dazu, ich war nicht anders als die anderen“, berichtete Weiss über eine glückliche Kindheit, die sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 von einem Tag auf den anderen änderte. Plötzlich wurde sie in der Schule isoliert – „Die Kinder saßen alle zusammengedrückt weit entfernt von mir“, schreibt Weiss in ihrem Buch –, die Schwester auf dem Nachhauseweg von ihren sonstigen Verehrern mit Dreck beworfen.

In Franken verschlechterten sich die Lebensverhältnisse der Juden schneller als in anderen Regionen. Das hing unter anderem mit einem sehr aktiven Gauleiter zusammen, der auf die schnelle Entlassung jüdischer Angestellter drängte. „Das hat uns das Leben gerettet“, verdeutlichte Weiss, denn ihr Vater war gezwungen, schnell nach Südafrika zu emigrieren, der Rest der Familie folgte ihm 1936.

Wir haben erst drei Jahre nach dem Krieg überhaupt von den Lagern erfahren.

Ruth Weiss

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 erlebte Weiss dementsprechend nicht hautnah mit. Aus Erzählungen von Lüdinghauser Bürgern weiß sie aber, dass damals auch in der Steverstadt zuvor aus Synagogen entwendete Gegenstände verbrannt wurden.

Die Schülerinnen Madeleine Schulze Kökelsum und Nadine Walaszek stellten der Autorin und Journalistin im Anschluss noch Fragen zu ihrer Lebensgeschichte. „Wir haben erst drei Jahre nach dem Krieg überhaupt von den Lagern erfahren. Die südafrikanische Gemeinde hielt das für Gräuelmärchen und gab die Informationen nicht weiter“, erzählte die 95-Jährige etwa. Das einprägsamste Bild in ihrer Erinnerung sei ein Besuch in der benachbarten Nazi-Hochburg Nürnberg gewesen, wo 25 Hitlerjungen Weiss und ihre Mutter passierten und, ohne die beiden zu bemerken, das Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt . . .“ intonierten.

Rassenhierarchie der Apartheid

Kaum war Weiss in Südafrika angekommen, erlebte sie wieder Rassismus, diesmal gegen die schwarze Bevölkerung. Kurz nach ihrer Ankunft wurde die Familie bereits von weißen Südafrikanerinnen besucht, die auf die Rassenhierarchie der Apartheid anspielten. „Die Schwarzen wurden auch unterdrückt und zu Nichtmenschen gemacht“, verstand die damals Jugendliche schnell. So waren Weiss’ Berichte von Ausgrenzung und Diskriminierung vor allem ein starkes Plädoyer an alle Zuhörer, in Zukunft anders zu handeln.

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