Jörg Terjung über Sinn und Unsinn der kommenden Belegausgabepflicht
Kassenbon für 35-Cent-Einkauf

Lüdinghausen -

Ab dem 1. Januar müssen alle, die Waren oder Dienstleistungen verkaufen, Kassenbons an ihre Kunden ausgeben, auch wenn diese nur ein Brötchen für 35 Cent kaufen. Das ärgert Jörg Terjung, der neben dem gleichnamigen Café drei weitere Filialen betreibt, aus verschiedenen Gründen.

Mittwoch, 04.12.2019, 08:00 Uhr
Jörg Terjung und seine Mitarbeiter müssen ab dem 1. Januar auch dann einen Beleg ausgeben, wenn ein Kunde nur ein Brötchen für 35 Cent kauft. „Damit“, findet der Lüdinghauser Unternehmer, „wird unnötiger Müll produziert.“
Jörg Terjung und seine Mitarbeiter müssen ab dem 1. Januar auch dann einen Beleg ausgeben, wenn ein Kunde nur ein Brötchen für 35 Cent kauft. „Damit“, findet der Lüdinghauser Unternehmer, „wird unnötiger Müll produziert.“ Foto: Heidrun Riese

Belegausgabepflicht – ein Wort, über das Jörg Terjung nur den Kopf schütteln kann. Gemeint ist das ab dem 1. Januar 2020 geltende Gesetz, demzufolge alle, die Waren oder Dienstleistungen verkaufen, Kassenzettel an ihre Kunden aushändigen müssen. Und das auch, wenn es lediglich um kleine Euro- oder sogar nur Centbeträge geht. Wie so oft im Back­wiärk, einer von vier Filialen des Lüdinghauser Familienbetriebs Terjung, der darüber hinaus auf zwölf Wochenmärkten vertreten ist. „Das ist total absurd und absolut umweltunfreundlich“, findet der Konditormeister, Brotsommelier und Unternehmer.

„Und noch dazu unnötig“, wie er betont. Denn mit dem neuen Gesetz soll Steuerhinterziehung eingedämmt werden, aber dazu brauche es nach Ansicht Terjungs keine verpflichtende Ausgabe von Kassenbons. „Technisch haben wir bereits die Möglichkeiten, jederzeit kann ein Finanzbeamter kommen und unsere Daten auslesen“, erklärt er. „Unsere Arbeit ist schon jetzt komplett transparent, vom eingekauften Sack Mehl bis zum verkauften Brötchen.“

Vielleicht zwei Kunden in der Woche nehmen einen Bon mit.

Doris Westrup

Bei den Kunden, die bereits jetzt auf Wunsch einen Beleg mitnehmen können, bestehe auch kaum Interesse an dem kleinen Stück Papier. Doris Westrup, Filialleiterin des Backwiärk, berichtet aus ihrer Erfahrung: „Wir haben hier 600 bis 700 Kunden am Tag, bei Stadtfesten locker 2000 – und vielleicht zwei in der Woche nehmen einen Bon mit.“ Sie spricht von absoluten Ausnahmefällen. „Wenn zum Beispiel große Mengen gekauft werden.“ Geht es um Kleidungsstücke, die ein Kunde vielleicht umtauschen muss oder möchte, mache ein Beleg durchaus Sinn, findet Terjung. „Aber doch nicht bei einem Brötchen für 35 Cent.“

Was ihm ebenso missfällt, ist der durch die Bonpflicht steigende Papierverbrauch, der für ihn im krassen Gegensatz zur aktuellen Klimapolitik steht. „Ich möchte meinen Beitrag zum Umweltschutz leisten“, betont der Unternehmer, der beim Einkauf deshalb auf kurze Handelswege achtet. „Und dann kommt ein Gesetz, durch das Unmengen von Papier verschwendet werden – noch dazu beschichtetes Thermopapier, das superschädlich ist“, ärgert sich auch seine Frau Maria, die sich als eine von drei Bürokräften um den Papierkram kümmert – bei insgesamt 37 Mitarbeitern inklusive des Chefs.

Es ist ohnehin schon schwer, Personal zu finden, und das macht es nicht leichter.

Jörg Terjung

Dass es mit der Bürokratie immer mehr wird, stößt Terjung sauer auf. „Es ist ohnehin schon schwer, Personal zu finden, und das macht es nicht leichter.“ Jedem, der neu in die Branche einsteige, müsse eine Sache bewusst sein, ergänzt seine Frau: „Da geht es nicht nur um die Freude am Backen, sondern man hat auch Stress im Büro.“ Terjung sieht die Entwicklung sogar als existenzbedrohend. „Nur weil wir in den vergangenen Jahren gewachsen sind, können wir das stemmen“, betont er. Aber die Sorge bleibt, denn: „Nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen gehen kaputt“, weiß Terjung. „Dafür gibt es viele Gründe, die steigende Bürokratie ist einer davon.“

Von den Demonstrationen wie der des Landesverbandes Niedersachsen der Bäckereiinnung vor dem Landtag in Hannover verspricht er sich nicht viel. „Es wird versucht, etwas dagegen zu tun, aber trotzdem bewegt sich da nichts“, ist sein Eindruck. „Sowas wird einfach von oben durchgedrückt.“ Wobei er durchaus Verständnis für die Beweggründe der Politiker hat. „Klar wollen die Transparenz, sowas wie in Griechenland soll nicht passieren. Aber damit wird zu weit geschossen.“

Meinungen zum neuen Gesetz

 „Bei uns ändert sich gar nichts“, sagt Claudia Wulf von Adam & Eva Moden. „Umtausch ist nur mit Kassenbon möglich. Daher achten wir ohnehin darauf, dass jeder Kunde einen Beleg bekommt.“ „Ich gebe die Bons nicht automatisch heraus, aber auf Verlangen bekommt der Kunde natürlich einen Beleg“, beschreibt Michael Nientiedt, Inhaber des gleichnamigen Lotto-Shops, den Status Quo beim Verkauf von Zeitschriften und Tabakwaren. „Das kommt am Tag vielleicht zwei Mal vor, öfter nicht.“ Wegen der kommenden Kassenbonpflicht macht er sich keine Sorgen. „Ich erwarte keinen Mehraufwand“, sagt er. „Die Papierflut kann ich nicht abschätzen, aber das lasse ich ganz entspannt auf mich zukommen.“ Transparenz findet Hubertus Geiping, Geschäftsführer der gleichnamigen Bäckerei, gut und wichtig. „Wir wollen gläsern sein, im eigenen Interesse“, sagt er. Aber: „Das Finanzamt kann alle Daten bei uns digital auslesen, damit ist der Zweck lange erreicht.“ In der Verpflichtung, jedem Kunden einen Bon auszuhändigen, sieht er keinen Sinn. „Da wird nur Müll produziert.“  

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