Glücksspiele im Netz: Suchtberater Wolfgang Schmitz sieht geplante Regeln skeptisch
Weg frei für weltweites Zocken

Lüdinghausen -

Online-Glücksspiel soll künftig deutschlandweit erlaubt sein. Suchtberater Wolfgang Schmitz, der im Lüdinghauser Caritas-Haus arbeitet, hat arge Bedenken wegen der geplanten Neuregelung. Aus seiner Sicht sind viele Überlegungen noch nicht ausgereift und zu kurz gedacht.

Dienstag, 18.02.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 18.02.2020, 16:58 Uhr
Auf in die nächste Runde: Künftig soll das Online-Zocken erlaubt sein. Suchtberater Wolfgang Schmitz sieht die Bemühungen kritisch.
Auf in die nächste Runde: Künftig soll das Online-Zocken erlaubt sein. Suchtberater Wolfgang Schmitz sieht die Bemühungen kritisch. Foto: colourbox.de

Online-Glücksspiele sollen ab Mitte 2021 in Deutschland erlaubt sein. Im Interview nimmt Suchtberater Wolfgang Schmitz , der bereits seit 1986 beim Caritasverband für den Kreis Coesfeld in Lüdinghausen arbeitet, die neuen Regeln genaustens unter die Lupe, auf die sich die Verantwortlichen bislang geeinigt haben.

 

Aktuell ist Zocken im Netz nur in Schleswig-Holstein legal, jetzt wollen die anderen Bundesländer nachziehen. Knapp 70 Seiten umfasst der „Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag“, der das möglich machen soll. Die Devise: erlauben, aber kontrollieren. Ist das der richtige Weg?

Schmitz: Damit geht ein Paradigmenwechsel einher. Das Onlinespielverbot fällt durch den neuen Staatsvertrag weg. Und der Schwarzmarkt soll ausgetrocknet werden. Die Frage ist nur: Gelingt das? Zumal sich die Regeln nur auf Deutschland beziehen. Das Internet kennt allerdings keine Grenzen. Es ist weltweit, die Anbieter und Nutzer sitzen überall.

Mit einem monatlichen Einzahllimit von 1000 Euro soll verhindert werden, dass insbesondere Spielsüchtige unendlich Geld verzocken. Kann das klappen?

Schmitz: Grundsätzlich finde ich das gut, halte die Summe aber für viel zu hoch.

Die Veranstalter virtueller Sportwetten, Poker-Runden, Casino- und Automatenspiele müssen – so der Plan – ein „automatisiertes System“ zur Früherkennung von glücksspielsuchtgefährdeten Usern einsetzen . . .

Schmitz: Wie soll das funktionieren? Dafür müsste man die finanziellen Möglichkeiten eines Spielers kennen, außerdem Häufigkeit und Geldeinsätze auswerten. Und das gelingt nur, wenn wirklich alle Anbieter zwingend vernetzt sind.

Zusätzlich sollen in einer speziellen Datei Zocker erfasst werden, die sich selbst freiwillig sperren lassen oder die ein Anbieter ausschließt. Hat das Aussicht auf Erfolg?

Schmitz: Auch da frage ich mich, wie das laufen soll. Grundsätzlich ist das aber eine gute Überlegung. In Spielhallen gibt es das bereits heute. Doch da bringt das Ganze meistens nicht viel, weil nicht zuverlässig kontrolliert wird. Deshalb ist das wohl eher Augenwischerei.

Dafür soll doch eine zentrale Glücksspielbehörde geschaffen werden . . .

Schmitz: Das erfordert Anstrengung, viel Geld und jede Menge Personal. Und ist deshalb doch schon heute im Rahmen der aktuellen Glückspielregulierung gescheitert.

Wo lauert die größere Gefahr, spielsüchtig zu werden – in der analogen Welt oder in den Weiten des WWW?

Schmitz: Jeder erleichterte Zugang erhöht das Risiko. Rauszugehen ist sicherlich aufwendiger, als sich zu Hause einfach reinzuklicken. Allerdings lieben viele Zocker die besondere Atmosphäre in Spielhallen und Casinos – und dieses Gefühl, beim Gewinnen für einen kurzen Moment der König der Welt zu sein. Die Flucht aus der Realität macht den Reiz aus. Aber auch wenn ich es mir zu Hause gemütlich mache, kann ich einen solchen Rückzugsort schaffen und am Computer dem Alltag entfliehen.

Ist Spielsucht ein zunehmendes oder ein abnehmendes Problem? Wie viele spielsüchtige Menschen gibt es aktuell in der Region?

Schmitz: Aus unserem Einzugsbereich – Lüdinghausen, Senden, Ascheberg, Nordkirchen und Olfen – kommen im Schnitt 15 bis 25 Klienten pro Jahr zu unseren Beratungen im Caritas-Haus. Die Dunkelziffer ist weitaus höher – Tendenz steigend. Zumal die Grenzen durch die zusätzlichen Möglichkeiten, die das Internet eröffnet, verschwimmen.

Beratungsstelle

Im Caritas-Haus (Bahnhofstraße 24 in Lüdinghausen) beraten Wolfgang Schmitz und zwei Kolleginnen rund um Suchterkrankungen jeder Art. Sowohl Einzel- und Paargespräche sowie eine offene Sprechstunde – immer mittwochs von 15 bis 17 Uhr – werden angeboten. Außerdem vermittelt das Team in die stationäre oder ambulante Therapie sowie an Selbsthilfegruppen für Spieler und Angehörige jeweils wahlweise in Unna oder Münster. Zusätzlich gibt es ein spezielles Selbstkontrolltraining – kurz: Skoll-Kursus – und jeden Donnerstag zwischen 17 und 18.30 Uhr eine Motivationsgruppe. Wer sich dafür interessiert, kann sich bei Schmitz melden (Telefon 0 25 91/ 2 35 41 30, schmitz@caritas-coesfeld.de).www.caritas-coesfeld.de

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Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag

Derzeit feilen Politiker und Experten an den Feinheiten des Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrags. Anfang März sollen die Ministerpräsidenten das Schriftstück absegnen, ehe es die einzelnen Landesparlamente noch ratifizieren müssen. In Kraft treten wird der Staatsvertrag am 1. Juli 2021, der bisherige läuft dann aus.

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