Serie: Historie des jüdischen Friedhofs
19 Leichen sollen exhumiert werden

Lüdinghausen -

Zur Geschichte des jüdischen Friedhofs in Lüdinghausen, hat Michael Kertelge von Heimatverein geforscht. Im April 1939 wurde die Begräbnisstätte auf Anordnung des damaligen Bürgermeisters geschlossen.

Dienstag, 24.03.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 24.03.2020, 15:04 Uhr
Ende April 1939 verfügte der Lüdinghauser Bürgermeister die Schließung des jüdischen Friedhofs. Eine Exhumierung von 19 Leichen findet dann wegen des Kriegsausbruchs vorerst nicht statt.
Ende April 1939 verfügte der Lüdinghauser Bürgermeister die Schließung des jüdischen Friedhofs. Eine Exhumierung von 19 Leichen findet dann wegen des Kriegsausbruchs vorerst nicht statt. Foto: Michael Kertelge

Der Heimatverein Lüdinghausen will in einer kleinen Serie versuchen, zumindest einige Fragen zur Geschichte des jüdischen Friedhofs in Lüdinghausen – eines erinnerungsträchtigen Ortes – zu beantworten. Zugleich wird damit dieser Ort wieder einmal seinem „Dornröschenschlaf“ entrissen (Folge 2):

Am 31. Januar 1939 schreibt Parteigenosse Nikolaus Heitmann an die Ortspolizeibehörde Lüdinghau-sen unter dem Titel „Betr. Antrag auf Sperrung der jüdischen Beerdigungsstätte“ und fordert eine „sofortige Untersuchung“. Die Lage des jüdischen Friedhofes sei „gesundheitswidrig“ und aus „der unmittelbaren Nähe zum Steverfluß erblickt die Allgemeinheit einen ekelerregenden Zustand und auch eine Gesundheitsschädigung“. Damit kommt ein Prozess ins Rollen, der zur Exhumierung der jüdischen Leichen und zur Schließung des Friedhofes führen sollte.

Schnell greifen die gut geölten Räder der Verwaltung ineinander. Der Bürgermeister beauftragt Amtsarzt Medizinalrat Dr. Appelmann mit einer Prüfung. Dieser beschreibt am 16. Februar in seiner Antwort an den Bürgermeister gesetzliche Vorgaben für die Genehmigung von Friedhöfen und folgert aufgrund seiner Prüfungen, „dass die jüdische Begräbnisstätte diesen Forderungen nicht entspricht“. Ende April 1939 schließt dann der Bürgermeister von Lüdinghausen den jüdischen Friedhof. Gegen Behändigungsschein wird dem Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Hugo Strauß in der Olfener Straße 10 dieses Faktum mitgeteilt. Gleichzeitig sollen Polizeibeamte am Eingang zum Judenfriedhof ein Schild auf-stellen: „Dieser Friedhof ist polizeilich geschlossen. Beerdigungen dürfen auf demselben nicht mehr stattfinden.“ Daraufhin bittet der Bürgermeister Kreismedizinalrat Appelmann, ihm doch mitzuteilen, ob „die auf dem Judenfriedhof beerdigten Leichen aus gesundheitlichen Gründen ausgegraben und umgebettet werden müssen“.

Als Appelmann vorschlägt, die Leichen der in den vergangenen 20 Jahren Beerdigten auszugraben, schickt der Bürgermeister Polizei-Revier-Obermeister Lindenau auf den Friedhof. Er soll vor Ort feststellen, welche Gräber in Frage kommen. Dieser kommt in den vorhandenen zwei Gräberreihen auf 19 in Frage kommende Leichen. Dann stoppt der Vorgang wohl aufgrund des Kriegsbeginns plötzlich. Aus einem Gespräch zwischen Bürgermeister und Landrat, in dem erst Genannter dem Landrat den Wunsch des Kreisleiters auf schnelle Umbettung vorträgt, notiert der Lüdinghauser Bürgermeister: „Der Landrat hat verfügt, daß z. Zt. wegen des Kriegszustandes nichts zu veranlassen wäre.“ Alle drei Monate liegt der Vorgang auf Wiedervorlage.

Michael Kertelge

 

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7339908?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F163%2F
Nachrichten-Ticker