Serie: Historie des jüdischen Friedhofs
Gegen das Vergessen

Lüdinghausen -

Der jüdische Friedhof liegt mitten in der Stadt Lüdinghausen. Mit Respekt vor seiner Geschichte und den dort liegenden Lüdinghausern ist er jederzeit zugänglich.

Sonntag, 29.03.2020, 08:00 Uhr
Dieser Grabstein steht noch heute auf dem jüdischen Friedhof in Lüdinghausen.
Dieser Grabstein steht noch heute auf dem jüdischen Friedhof in Lüdinghausen. Foto: Michael Kertelge

Der Heimatverein Lüdinghausen versucht in einer kleinen Serie, zumindest einige Fragen zur Geschichte des jüdischen Friedhofs in Lüdinghausen – als erinnerungsträchtigen Ort – zu beantworten (Folge 4):

Direkt nach dem Krieg – am 18. Dezember 1945 – ordnet der Oberpräsident der Provinz Westfalen an, jüdische Friedhöfe instand zu setzen: „Nötigenfalls sind sämtliche Personen, die am 9. November 1938 Mitglied der SA waren, zu den erforderlichen Arbeitsleistungen heranzuziehen.“

Den Friedhof wieder einiger Maßen herzurichten, scheint zumindest in groben Zügen gelungen zu sein. So bestätigt nach dem Krieg der einzige jüdische Lüdinghauser, Tierarzt Dr. Strauss, der Judenfriedhof sei „würdig instand gesetzt.“ Aus den Anordnungen und Abrechnungen der Verwaltung in der Nachkriegszeit ist ersichtlich, dass auch danach der Friedhof gepflegt wurde.

Und doch sind die Exhumierung und der Umgang mit dem jüdischen Friedhof meines Wissens nach eine unerhörte und einmalige Angelegenheit. Für Juden hat der Friedhof eine besondere, außerordentliche Bedeutung: Anders als für Christen oder Anhänger anderer Religionen ist das eigene Grab im Verständnis ewig. Es wird nicht für eine bestimmte Belegungszeit für 25 oder 30 Jahre „gemietet“, sondern für die Ewigkeit gekauft. Deshalb hat die jüdische Gemeinde Grabstellen auch mit notariellem Vertrag beim Amtsgericht an Familien verkauft.

Was den ohnehin schwer geprüften jüdischen Lüdinghausern mit der Exhumierung der Angehörigen (Info-Kasten) und der Zur-Verfügung-Stellung als Autoabstellplatz oder Holzlagerplatz angetan wurde, mag ich mir nicht vorstellen. So bleibt der jüdische Friedhof ein Ort der Mahnung. Und dieser Artikel ein Versuch, jüdisches Lüdinghauser Leben nicht dem Vergessen anheimzugeben. Die Kippas, die kleinen runden Kopfbedeckungen, waren bei der jüdischen Gemeinde schon angefragt. Die Schriftstellerin Ruth Weiss wollte sich zu einer dazugehörigen Lesung aus Dänemark auf den Weg machen. Dann änderten sich die Umstände, die Veranstaltung wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Der jüdische Friedhof liegt jedoch mitten in unserer Stadt. Mit Respekt vor seiner Geschichte und den dort liegenden Lüdinghausern ist er jederzeit zugänglich.

Auf den neuen Schildern wird als Zitat ein Satz des Historikers Stefan Bajohr stehen. Denn der Heimatverein Lüdinghausen ist der Meinung, dass wir jüdische Friedhöfe nicht dadurch schützen, „dass wir sie sozusagen in Vergessenheit geraten lassen, sondern wir schützen sie vielmehr, indem wir sie ins Bewusstsein all derjenigen holen, die dagegen einschreiten können, dass so etwas in unserer Gesellschaft überhaupt passiert“.

 Michael Kertelge

 

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