Erlebnis mit dem Tierarzt Adolph Strauss
Hausschwein am Sabbat gerettet

Lüdinghausen -

Über ein ganz besonderes Erlebnis mit dem jüdischen Tierarzt Dr. Adolph Strauss berichtete vor Jahren Agnes Ohrner, geb. Hölscher, ihrem Mann Josef. Daran erinnert sich der 93-jährige angesichts der Berichterstattung über die Geschichte des jüdischen Friedhofs. Strauss war im Zweiten Weltkrieg im Hause Peick vor den Nazis versteckt worden.

Dienstag, 14.04.2020, 09:36 Uhr aktualisiert: 15.04.2020, 16:18 Uhr
Josef Ohrner (kl. Foto) erinnert sich an ein Erlebnis, das ihm seine Frau Agnes in Zusammenhang mit dem jüdischen Tierarzt Dr. Adolph Strauss, der an der Olfener Straße wohnte (großes Foto), erzählt hat.
Josef Ohrner (kl. Foto) erinnert sich an ein Erlebnis, das ihm seine Frau Agnes in Zusammenhang mit dem jüdischen Tierarzt Dr. Adolph Strauss, der an der Olfener Straße wohnte (großes Foto), erzählt hat. Foto: Peter Werth

Die jüngst in den Westfälischen Nachrichten veröffentlichte Serie von Pastoralreferent Michael Kertelge über die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Lüdinghausen hat Josef Ohrner mit großem Interesse gelesen.Vor allem, so sagt der 93-Jährige sei ihm der Passus über den Tierarzt Dr. Adolph Strauss in der letzten Folge ins Auge gefallen. Und das deshalb, weil das ihn an ein Erlebnis erinnert habe, das ihm seine Frau Agnes – geborene Hölscher – vor vielen Jahren erzählt habe. Dabei ging es um die Frage, wie der Mann die Verfolgung der Juden in Lüdinghausen überleben konnte.

„Es war wohl im Jahr 1944“, so der Lüdinghauser. Damals habe ihre Mutter seine spätere Frau, die Familie wohnte an der Tüllinghofer Straße, zum Einkaufen in den kleinen Laden der Familie Peick an der Tüllinghofer Straße geschickt. Zwar sei schon Geschäftsschluss gewesen, „aber in der Nachbarschaft zählte das nicht“, habe seine Frau ihm berichtet. Durch die zu den Privaträumen offenstehende Tür sah die junge Agnes plötzlich Dr. Strauss am Küchentisch sitzen. Beide sahen sich an, ohne ein Wort zu wechseln. Wieder zu Hause berichtete die Tochter ihrer Mutter über das Begebnis. „Diese mahnte ihre Tochter, meine Frau, nur ja kein Wort darüber zu verlieren.“ Denn sie sei sich durchaus bewusst gewesen, welche Konsequenzen es für Familie Peick wie auch den Tierarzt haben würde, sollten die Nazis davon erfahren. Peicks hatten Strauss auf ihrem Dachboden versteckt.

Es gehört schon großer Mut und sehr viel menschliches Mitgefühl zu einer solchen, für die damalige zeit ungewöhnlichen und nicht zuletzt gefährlichen Hilfeleistung.

Josef Ohrner

„Es gehört schon großer Mut und sehr viel menschliches Mitgefühl zu einer solchen, für die damalige Zeit ungewöhnlichen und nicht zuletzt gefährlichen Hilfeleistung“, sagt Ohrner, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling aus dem Sudentenland nach Lüdinghausen gelangte. Zugleich, so weiß er, dass kaum noch jemand an den von den Nazis propagierten Endsieg geglaubt habe.

Nach dem Ende des Krieges hatte seine Frau eine weitere Begegnung mit Tierarzt Strauss. Wie viele Familien hielt auch die seiner Frau zur Selbstversorgung ein Hausschwein. „Eines Tages lag das Tier röchelnd im Stall und drohte zu ersticken, hat mir meine Frau erzählt“, weiß Ohrner. In der Not wurde Agnes zum Tierarzt geschickt – eben Dr. Strauss. Der wies die Hölscher-Tochter allerdings darauf hin, dass Sabbat sei. Er dürfe also eigentlich nicht arbeiten. Aber dennoch, so schildert der 93-Jährige die Erzählung seiner Frau, sei der Mann mit ihr gekommen und habe das Schwein behandelt – und gerettet. Seine Begründung: Agnes habe ihn damals im Hause Peick gesehen, aber ihn und seine Helfer nicht verraten. Auch eine Bezahlung für seine Dienstleistung habe er abgelehnt.

Strauss starb am 10. Januar 1955 in Lüdinghausen. beigesetzt ist er auf dem alten evangelischen Friedhof gemeinsam mit seiner Frau, die protestantischer Konfession war.

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