Heute vor 75 Jahren trat Pfarrer Gerhard Barten sein Amt in Lüdinghausen an
Der Gemeinde-Sammler

Lüdinghausen -

Nach dem Krieg hat er allerhand für die Steverstadt geleistet: Pfarrer Gerhard Barten trat am 6. Juni vor 75 Jahren sein Amt in Lüdinghausen an.

Samstag, 06.06.2020, 15:00 Uhr aktualisiert: 06.06.2020, 15:10 Uhr
Dietlinde Jäger hat ein eigenes Archiv mit Materialien rund um die Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde in Lüdinghausen zusammengestellt. Auch über Pfarrer Gerhard Barten lässt sich darin allerhand Interessantes finden.
Dietlinde Jäger hat ein eigenes Archiv mit Materialien rund um die Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde in Lüdinghausen zusammengestellt. Auch über Pfarrer Gerhard Barten lässt sich darin allerhand Interessantes finden. Foto: Annika Wienhölter

Mit Zeitungsartikeln und Schriftstücken jeder Art hat Dietlinde Jäger gleich mehrere Ordner gefüllt. Anhand ihrer Sammlung historischer Dokumente lässt sich die Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde in Lüdinghausen nachvollziehen. Am heutigen Samstag (6. Juni) erinnert die 80-Jährige an den Amtsantritt von Pfarrer Gerhard Barten vor genau 75 Jahren. Dessen Tochter Inge hat der Seppenraderin einst Einblicke in das Familienarchiv gewährt. Deshalb weiß Jäger, was damals geschah.

Bereits seit Ende September 1944 war die Pfarrstelle in Lüdinghausen unbesetzt, weil Pfarrer Julius Bollmann, der die Gemeinde von 1925 an betreut hatte, in Pension gegangen war. Da der Zweite Weltkrieg tobte, konnte kein Nachfolger für ihn eingesetzt werden. Darum sollte der Dülmener Pfarrer Walter Arnsmeyer, der von 1926 bis 1955 in der Stadt der Wildpferde arbeitete, die Lüdinghauser Gemeinde mitbetreuen. Doch die vielen Zerstörungen durch die Bomben machten das nahezu unmöglich. Es gab nicht einmal intakte Verkehrsanbindungen.

Bomben beschädigen die Kirche

Pfarrer Barten wiederum war in Schlesien tätig. Doch schon 1939 ist er in den Krieg eingezogen worden. Im Frühjahr 1945 gelangte er aus Frankreich über Belgien, Holland und Krefeld mit dem Kriegslazarett in das Lüdinghauser Antoniuskloster. Die evangelische Kirche der Stadt war völlig verwüstet: Während eines Bombeneinschlags, mit dem die nahe gelegene Burg Vischering dem Erdboden gleich gemacht werden sollte, gingen unter anderem sowohl die Fenster als auch die Orgel kaputt. In diesem desolaten Zustand fand Barten das Gotteshaus vor. Von einem Presbyter erfuhr er derweil, dass ein Pfarrer fehlte. Somit bot er an, die Gemeinde zu betreuen sowie Gottesdienste zu halten und Taufen durchzuführen. Als auch sein Chef ihm die Erlaubnis dazu erteilte, legte er los.

Doch sein Einsatz dauerte nur drei Wochen. Dann wurde das Lazarett nach Ahlen verlegt, wo Barten in amerikanische Kriegsgefangenschaft kam.

Mit dem Fahrrad geht‘s nach Ahlen

Das wollten die Lüdinghauser nicht hinnehmen. Ende Mai 1945 radelte Frau Jansen, die Tochter des betagten Presbyters Karl Emde, der versuchte, die zerschlagene Gemeinde beisammenzuhalten, mit Heinrich Lutter und Fritz Steindel nach Ahlen. Dort baten sie den amerikanischen Kommandanten, Barten freizugeben, damit er das Pfarramt in der Steverstadt übernehmen konnte – mit Erfolg. Denn die westlichen Siegermächte sahen in den Kirchenvertretern willkommene Helfer fürs Umerziehen der Deutschen. Und so wurde Barten am 6. Juni 1945 Pfarrer der Evangelischen Gemeinde in Lüdinghausen.

Anlässlich der Hundertjahrfeier der Kirche in der Steverstadt hat der Pfarrer 1959 ein „Gemeindebuch der Evangelischen Kirchengemeinde Lüdinghausen“ herausgegeben. Darin schreibt Barten über seinen Dienstantritt: „Mein spärliches Gepäck bestand aus einer Kiste, die neben meinen Uniformsachen, einem leinenen Schlafsack, zwei Wolldecken, einem kleinen Stoß Neuer Testamente und Militärgesangbüchern ein Krankenabendmahlbesteck barg. Das Lazarett stiftete dazu ein Feldbett. So zog ich an diesem Tag in das mit Evakuierten vollgestopfte Pfarrheim ein, in dem das Amtszimmer als einziger Raum frei gehalten worden war.“ Weil die Gemeinde „durch den Nationalsozialismus zerschlagen und durch den Kriegsausgang zersprengt“ worden war, sah es Barten als seine Aufgabe an, „die Gemeinde neu zu sammeln. Waren im Juni etwa 50 bis 60 Gemeindeglieder zum Gottesdienst gekommen, so wuchs die Zahl, besonders durch den Zustrom der Vertriebenen so stark an, dass die Kirche im Herbst 1945 schon jeden Sonntag überfüllt war.“ In kürzester Zeit gehörten der Gemeinde gut 6000 Menschen an, schreibt der Pfarrer. Nun musste Barten auch Gottesdienste in Senden, Ottmarsbocholt, Venne, Nordkirchen, Selm, Ascheberg, Olfen und Seppenrade organisieren. Um die Gemeindeteile besuchen zu können, erhielt der Pfarrer einen von den Amerikanern konfiszierten Opel P 4.

Lüdinghausen statt Kapstadt

Obwohl er davon träumte, eine Pfarrstelle in Kapstadt anzutreten, blieb er auf Wunsch seiner Frau Ingeborg und seiner fünf Kinder bis zu seiner Pensionierung am 31. März 1974 der Evangelischen Gemeinde in Lüdinghausen treu. Zuletzt lebte er in Seppenrade. Auf dem dortigen Friedhof ist er nach seinem Tod 1987 dann auch beerdigt worden.

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