Nottuln
Seit 1676 gab es jüdische Familien

Donnerstag, 24.03.2011, 19:03 Uhr

Appelhülsen - „Welche Herausforderungen und Perspektiven ergeben sich aus dem Verhältnis zwischen Juden und Christen in der Zukunft?“ Hilfestellung zu dieser Frage wolle die Ausstellung „Du gehst mich an - Juden und Christen in Westfalen auf dem Weg zu einem neuen Verhältnis“ geben, die zurzeit im Appelhülsener Friedenshaus zu sehen ist, berichtete Presbyterin Ursula Boldt-Hübner in ihrer Begrüßung am Mittwochabend. Die Ausstellung zeige einen Weg, auf dem nach der jahrhundertealten Geschichte christlichen Antijudaismus Christen und Juden zu einem neuen Verhältnis finden können.

Einen speziellen Rückblick auf die Geschichte jüdischer Familien in Nottuln gab an diesem Abend Hans-Peter Boer den rund 30 Zuhörern. „Ein Thema, das einen immer wieder erregt und erschreckt“, so Boer. „Es geht um Massenmord und Verbrechen, nicht mehr und nicht weniger!“

Seit etwa 1676 habe es in Nottuln jüdische Familien gegeben, wusste er. Auch wenn es seit dem 14. Jahrhundert immer wieder Pogrome gegen Juden als „Sündenböcke“ gegeben habe, seien die letzten jüdischen Familien Lippers und Gerson, als sie 1939 Nottuln verließen, seriöse, seit neun Generationen in Nottuln eingesessene Bürger gewesen. Typisch für jüdische Familien hätten sie Handel betrieben, mit einem in der klassischen Tradition des deutschen Landjudentums weiten Horizont. Deshalb seien Juden im Bankgeschäft auch so erfolgreich gewesen, ist sich Boer sicher. „Sie konnten es einfach, die anderen nicht.“

Viele Details hatte Boer über das Leben der angesehenen Nottulner Bürger zu berichten. Die Blütezeit jüdischen Gemeindelebens in Nottuln sei etwa um 1880 gewesen, als rund 60 Menschen jüdischen Glaubens hier lebten, wusste er.

Nach dem 1. Weltkrieg gab es solch ein Gemeindeleben nicht mehr. Heute erinnern „Stolpersteine“ an die letzten jüdischen Bewohner des Hauses Kirchplatz 4, Isidor Lippers, Martha Lippers, Hugo Lippers, Julia Gerson, Ursula Gerson und Erich Stehberg, die im Holocaust ermordet wurden, erinnerte Boer. „Vergessen sie nicht, es waren die eigenen Nottulner Leute, die Familie Lippers vertrieben haben“, mahnte er.

Nachfahren von jüdischen Familien, die einst in Nottuln gelebt haben, weiß Boer heute in Israel, Frankreich, Argentinien und Norwegen beheimatet.

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