Nottuln
Frischer Wind über kontaminiertem Boden

Samstag, 30.04.2011, 08:04 Uhr

Nottuln / Narowlja - „Einen Moment. Ich bin gleich bei ihnen“, gibt die freundliche Angestellte in der hell ausgeleuchteten Post zu verstehen. Sekunden später zeigt die Dame, wie sich am Computer die Tastatur mit kyrillischen Buchstaben auf eine „normale“ Schreibweise umstellen lässt. Der Zugang zum Internet ist frei.

Kaum zu glauben. Noch vor wenigen Jahren wurde der „Wessi“ hier beim Eintritt in den dunklen Raum keines Blickes gewürdigt. Fragen bekam er kurz und desinteressiert mit „da (ja)“ oder „njet (nein)“ beantwortet. Jetzt scheint hier wie überall sonst in Narowlja und Umgebung ein frischer Wind zu wehen. Egal, ob beim Zoll, im Hotel, Restaurant oder im Magazin (Supermarkt): Überall begegnen dem Besucher nette und aufgeschlossene Menschen, die sich um das Anliegen ihrer Kunden bemühen.

Der Sozialismus hat Paroli bekommen. Schließlich war es eine ganze Generation von Kindern, die über die westlichen Initiativen den Westen kennengelernt hat. Eine Generation, die erfahren durfte, dass Westen nicht böser Kapitalismus bedeutet, sondern auch Demokratie, Hilfe, freundschaftliche Kontakte, Auswahlmöglichkeiten und somit auch Lebendigkeit. Ein Generation, die erkannt hat, dass es wenig Sinn macht, sich der Schwermut und der Hoffnungslosigkeit zu ergeben.

Über den großen Platz spazieren junge Eltern mit bunten, modernen Kinderwagen, die gleichzeitig mit dem Handy telefonieren. Bis auf Busse, Baustellen- oder Transportfahrzeuge sind nur noch selten alte Autos unterwegs. Die Gebäude genießen farbenfrohe Anstriche. Selbst das Heimathaus erstrahlt in pinkfarbenem Glanz.

Überall riecht es nach wirtschaftlichem Aufschwung, auch wenn unklar bleibt, woher der Staat das Geld nimmt. „Es wird jetzt mehr in diese Region investiert, um die Landflucht zu stoppen“, erklärt Natascha Kusmenkowa , die die Reisegruppe der „Hilfe für Narowlja/Tschernobyl“ bei ihrem Aufenthalt begleitet.

Bei all dieser Fassadentünche darf nicht vergessen werden, dass die Auswirkungen der atomaren Verstrahlung hier nach wie vor zum Alltagsleben der Menschen gehört. Sollte das Verhältnis von Geburten zu Todesfällen der letzten zwölf Monate bestehen bleiben, ist Narowlja in 37,5 Jahren ausgestorben.

Dolmetscherin Natascha hatte keine leichte Aufgabe. Schon an der zweiten Station - dem Krankenhaus - meinte sie traurig: „Ich übersetze jetzt nicht mehr überall, dass ihr nicht mehr kommt.“

Vielleicht ein kleiner Trost: Auch, wenn der Verein sich mit seinen bisherigen Aktivitäten zurückzieht, bleiben doch sicherlich die privaten Kontakte und Freundschaften bestehen. Sollten dort Menschen durch widrige oder unglückliche Umstände erneut in Notlagen geraten, kann mit Hilfe aus Nottuln gerechnet werden.

Und wer weiß? Vielleicht zieht es denn einen oder anderen früher oder später auch so wieder nach Narowlja. Schließlich haben die Menschen, das Land und seine Kultur dort reichlich zu bieten.

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