Nottuln
Zu Gast beim Jäger und Sammler

Donnerstag, 28.04.2011, 21:04 Uhr

Nottuln / Narowlja - „Das ist ein Verrückter“, sagt Dolmetscherin Natascha Kusmenkowa mit wohlwollendem Unterton und einem Schmunzeln auf den Lippen. Gemeint ist Wassili Tscheika, ihr ehemaliger Lehrerkollege. Sie arbeitet heute im Schulamt von Narowlja, der 46-Jährige unterrichtet nach wie vor an Schule Nummer drei. Was ihn als Verrückten auszeichnet? Er ist passionierter Jäger und Sammler. Nein, er geht nicht auf Großwild, sondern vielmehr auf die Suche nach Raritäten und Alltagsgegenständen, die Zeugnisse für Kultur, Brauchtum und Geschichte seines Landes sind.

Mit all den selten gewordenen Kuriositäten, die er in den vergangenen Jahren zusammengetragen hat, stattete er mittlerweile drei kleine themenbezogene Schulmuseen aus. „Die Schüler lieben ihn“, verrät Natascha weiter. Sonntagmorgens startet Tscheika seine Recherchetour - und wer von seinen Schülern ihn begleiten möchte, ist herzlich eingeladen. „Dann stehen morgens um 6 Uhr jede Menge Kinder da und warten bereits auf ihn“, erklärt Natascha. Das klingt recht amüsant und vielversprechend. Deshalb nehmen die Gäste des Vereins die Einladung zum Besuch gerne an. Wassili erwartet sie erfreut und geht voran.

Wassilis Reich hat eine Menge zu bieten. Einen kleinen Kaufladen hat er eingerichtet. Mit den Flaschen, Dosen und Verpackungen, die es zu Zeiten der Sowjetunion zu kaufen gab. Fein säuberlich aufgereiht, ziehen sie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Die an den Regalbrettern angebrachten Borten, handgefertigt aus Papier, sprechen ebenso für sich. Auf der Ladentheke weilt neben der eisernen Waage, die alte hölzerne Rechenmaschine, die auch in Narowlja mittlerweile von modernen Digitalkassen verdrängt wurde.

Wassili führt die Gäste weiter zu den Fensterbrettern, jenen blauen Verzierungen, die die Fenster der Holzhäuser schmücken und typisch für Russland sind. „Daraus kann man eine Bildsprache ablesen“, lässt er übersetzen: Die sich zugewandten weißen Vögel etwa symbolisieren Fruchtbarkeit und Frieden. Ein altes Holzboot, seinerzeit gefertigt in nur einem Tag, und historische Fischereiutensilien hat er auch ausgestellt.

Alte Fotos dokumentieren die Zeiten, als in Narowlja noch kein Mensch etwas von der Atomkatastrophe im rund 50 Kilometer entfernten Tschernobyl ahnte, es noch eine Werft gab und eine aktive Transportlinie bis zum Schwarzen Meer. Schließlich fließt hier der Prypjat vorbei. „Ich kann mich erinnern, dass wir vor der Perestroika sonntags mit den Eltern Ausflugsfahrten gemacht haben“, erklärt Natascha.

Gut, dass es Menschen wie Tscheika gibt, die die alten Zeugnisse und Besonderheiten von Belarus bewahren. Zusammen mit den Fundstücken erfährt Tscheika natürlich jedes Mal aufs Neue interessante Geschichten von den Menschen auf den Dörfern. Nicht zuletzt deswegen begleiten seine Schüler ihn so gerne. Und Natascha lobt ihren ehemaligen Kollegen: „Wassili hat ein Händchen für ältere Menschen. Er weiß ihnen so zu begegnen, dass sie gerne erzählen.“

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