Abschluss der Nottulner Novembertage
Leiden enttabuisieren

Nottuln -

Bis zu 30 000 Bundeswehrsoldaten sollen psychisch geschädigt von Auslandseinsätzen zurückkommen. Darüber informierte in Nottuln der Grünen-Politiker Winfried Nachtwei.

Mittwoch, 21.11.2012, 17:11 Uhr

„Sensibilisierung für und Enttabuisierung der Leiden, die Soldaten aus jedem Krieg mitbringen, das sind wichtige und notwendige Aufgaben, die die Gesellschaft leisten muss!“ Mit dieser Aufforderung beendete Winfried Nachtwei seinen Vortrag am Montagabend in der Alten Amtmannei zum Thema „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ (PTBS) bei Soldaten. Eingeladen hatte die Friedensinitiative Nottuln (FI) zu diesem November-Abend mit dem Thema „Rückkehr aus der Hölle.“

Die Zahl der deutschen Soldaten, die sich wegen PTBS in Behandlung begeben müssen, steigt nach Aussage von Nachtwei, der die Arbeitsgemeinschaft PTBS beim Beirat für Fragen der inneren Führung im Bundesverteidigungsministerium leitet. 2011 waren es schon 922 Bundeswehrsoldaten, die allermeisten davon Afghanistan-Heimkehrer. Eine Studie gehe gar davon aus, dass bis zu 30 000 Bundeswehrsoldaten psychisch geschädigt zurückkommen. Nachtwei: „Das lässt die Dimension erahnen!“

Nachtwei berichtete von vielen Begegnungen mit Soldaten, die ihm ihr Leid klagten. Zum Beispiel ganz junge Soldaten, „die mir lebendig von einem fünf Stunden dauernden Gefecht berichteten. Da lief bei denen der Film noch mal ab, die Situation im Krieg: Du oder ich!“ Viele Soldaten würden auch noch Jahre später psychisch erkranken und müssten dann für ihre notwendige Behandlung mit den Dienstbehörden kämpfen.

Zu Beginn des Abends trug die Märchenerzählerin Brigitte Balmer-Landwehr das Grimmsche Märchen „Des Teufels rußiger Bruder“ lebendig vor und zog so die rund 40 Zuhörer in ihren Bann. Nach einem musikalischen Intermezzo mit Kerstin Stüve (Gitarre) referierte Balmer-Landwehr die psychoanalytische Deutung des Märchens von Eugen Drewermann. Die Quintessenz: Nicht bei der Rückkehr erlebten die erkrankten Soldaten die „Hölle“, sondern der Krieg sei die Hölle. Und: Krieg werde um „Teufelsdreck“ geführt – um Geld, Gold und Macht. Zur Heilung der Traumata, die Soldaten im Krieg erleben, so Eugen Drewermann, sei das Eingeständnis der eigenen Schuld, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln notwendig.

Dies gelte dann auch für die Politiker, die Soldaten nach Afghanistan schickten, forderte zum Schluss ein Zuhörer.

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