Interview mit Rolf Bauerdick
Endlich einmal keine einseitigen Meinungen

Nottuln/Dülmen -

Rolf Bauerdick zu erreichen, ist nicht so einfach. Er ist in diesen Tagen ein gefragter Gesprächspartner.

Freitag, 05.04.2013, 22:04 Uhr

Rolf Bauerdick, Journalist und Buchautor. 
Rolf Bauerdick, Journalist und Buchautor.  Foto: Sabine Damhorst

Rolf Bauerdick zu erreichen, ist nicht so einfach. Er ist in diesen Tagen ein gefragter Gesprächspartner. Für die Dülmener Zeitung und die Westfälischen Nachrichten nahm er sich dennoch Zeit, um die Fragen von Redakteurin Claudia Marcy zu beantworten.

Herr Bauerdick, seit zwei Wochen ist Ihr Buch „Zigeuner - Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ auf dem Markt. Die Tageszeitung Die Welt erklärte es in einer ganzseitigen Besprechung zum „Buch der Woche“. Gab es weitere Reaktionen?

Bauerdick: Das Medieninteresse ist erstaunlich. Einhundertfünfzig Rezensionsexemplare wurden beim Verlag bereits bestellt. Gerade war ein Filmteam vom WDR hier, um für das Kulturmagazin West-Art zu drehen. Der Bayerische Rundfunk hat mich mehrmals interviewt. Es gibt auch erste sehr schöne Leserreaktionen auf Facebook und Amazon. Ein paar Minuten vor unserem Gespräch habe ich eine Mail von einer Leserin aus Berlin erhalten, die aus dem ziganen Milieu stammt. Sie schreibt, dass „Zigeuner“ ein herzerfrischendes Buch sei, das Mut mache.

Sie wählen bewusst den Begriff „Zigeuner“ und ersetzen ihn nicht pauschal durch das politisch korrekte Begriffspaar „Sinti und Roma“. Warum tun Sie das?

Bauerdick: Aus Respekt. Aus Achtung von den Menschen, die sich selbst Tzigani, Cigány oder wie in Spanien Gitanos nennen. Aber ich würde nie einen Sinto als Zigeuner bezeichnen, wenn er das nicht möchte. Entscheidend ist, wie die Bezeichnung Zigeuner benutzt wird. Abwertend und beleidigend oder mit einem offenen Blick, der versucht, die fremde Kultur zu verstehen.

Das Thema ist durch den Zuzug vieler Roma aus Rumänen und Bulgaren nach Deutschland hochaktuell. Sind Sie mit ihrem Fachwissen deswegen jetzt ein begehrter Gesprächspartner?

Bauerdick: Es scheint so. Diese Woche kamen Einladungen aus Köln, Dortmund, Marburg und Passau.

Sie haben in vielen osteuropäischen Ländern recherchiert, aber auch in Dortmund und Duisburg, um mit Frauen aus Bulgarien zu sprechen, die sich im Ruhrgebiet prostituieren.

Bauerdick: Ja. Es wird gern behauptet, die Armut treibe die Frauen in die Prostitution. Das ist falsch. Die Frauen werden hierhergebracht und in die Bordelle gezwungen! Und zwar von Männern. Wenn man nicht wahrhaben will, dass es unter den Roma nicht nur Armutskriminalität gibt, sondern auch Menschenhandel oder Zwangsprostitution, wird die Integration nicht gelingen. Gleichzeitig braucht es für ein gelingendes Zusammenleben Wohlwollen und Verständnis – und zwar von allen Seiten.

Sie besitzen dieses Wohlwollen: In Ihrem Buch beschreiben Sie die Liebenswürdigkeit der Zigeuner, ihre Gastfreundlichkeit und ihre Schlitzohrigkeit. Andererseits schreiben Sie auch über Gewalt und Verwahrlosung. Und Sie beklagen die nicht gerade ausgeprägte Bereitschaft zu Selbstkritik und Veränderung. Damit fordern Sie auch Ihre Leser heraus, denen Sie ein widersprüchliches, nicht rundum sympathisches Zigeunerbild präsentieren. Sind Ihre Leser bereit, diesen differenzierenden Blick zu teilen?

Bauerdick: Es gibt Kreise, die wollen nicht an dem Opferstatus der Zigeuner rütteln. Für sie sind die Zigeuner immer und überall nur die Diskriminierten. Denen gefällt meine Position sicherlich nicht. Aber bislang habe ich nur positive Reaktionen erfahren. In Leipzig habe ich während der Buchmesse vor über 100 Leuten vorgelesen – und die Zuhörer waren angetan, endlich einmal keine einseitige Meinung zu hören.

Seit über 20 Jahren haben Sie sich mit dem Thema Zigeuner beschäftigt, haben zuerst einen viel beachteten Roman dazu geschrieben und jetzt diesen Reportagenband. Ist das Thema für Sie damit abgearbeitet?

Bauerdick: „Zigeuner“ ist weniger ein Reportagenband als ein lebendiges Sachbuch. In ihm erzähle ich von meinen Erfahrungen unter den europäischen Roma seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Zwei Jahre habe ich daran geschrieben, wobei ich nach gut einhundert Reisen auf ungezählte Begegnungen und Erlebnisse und Tausende von Fotos zurückgreifen konnte. In dem Roman „Wie die Madonna auf den Mond kam“ werden die Zigeuner ein wenig idealisiert. Dimitru, mein Held, ist ein sympathischer Kerl, gewieft und reichlich skurril. Nun schildere ich den oft tristen ziganen Alltag. Eine Wirklichkeit, die viele Facetten hat und nicht nur eine Wahrheit kennt. Und ich vermute, die Roma werden nicht nur mich, sondern die ganze Gesellschaft noch eine Weile beschäftigen.

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