30 Jahre Städtepartnerschaft Nottuln – Saint-Amand-Montrond
Mit ehrlichem Herzen

Nottuln -

Joseph Möhlen, von 1973 bis 1993 Gemeindedirektor in Nottuln und Mitbegründer der Städtepartnerschaft mit Saint-Amand-Montrond, erinnert an die Beweggründe und Anfänge der Städtepartnerschaft.

Samstag, 14.06.2014, 13:06 Uhr

Seit 30 Jahren besteht die deutsch-französische Partnerschaft zwischen Saint-Amand-Montrond und Nottuln . Anlass für unsere Zeitung, im Vorfeld der Jubiläumsfeierlichkeiten, die am 21./22. Juni in St. Amand stattfinden, mit einer Serie an die Geschichte und an verschiedene Aspekte der Freundschaft zwischen den Gemeinden zu erinnern. Joseph Möhlen, von 1973 bis 1993 Gemeindedirektor in Nottuln und Mitbegründer der Städtepartnerschaft mit Saint-Amand-Montrond, erinnert sich:

Die Großeltern erzählten von der französischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg . Noch schlimmere Geschichten gab es aus dem im Ersten und im Zweiten Weltkrieg besetzten Frankreich über deutsche Gräueltaten.

Die furchtbaren Zeiten bis 1945 hatten entsetzliche Depression ausgelöst. Von der Olympiade 1948 in London war Deutschland ausgeschlossen. Das Bestreben, in der Welt als normaler, anständiger Mensch akzeptiert zu werden, hatte eine heute unvorstellbare Kraft. Das Wort Europa war Hoffnung, Fanal und Festival zugleich.

Das Fantastische war dann 1960 für den jungen, frankophonen Mann das Erlebnis, in Frankreich Gleichgesinnte anzutreffen, freilich mit anderen intellektuellen Voraussetzungen. Die 22 Kriege zwischen den beiden Völkern seien genug gewesen – hein? – man werde es nun einmal umgekehrt unternehmen: mit Freundschaft. Und es war ehrlich gemeint.

Das Geniale der von den großen Europäern politisch inszenierten Idee bestand aus der Absicht, die Begegnungen zwischen den Völkern von der oberen Staatsebene auf die Kommunen und ihre Familien, insbesondere die Jugend zu verlegen, Grundlage des Erfolges, den wir heute feiern. Wie viele Freundschaften gibt es jetzt zwischen französischen und deutschen Familien! Wenn heute in Frankreich wie in Deutschland das Vertrauen in den Nachbarn statistische Spitzenwerte erreicht – wir verdanken es der Idee der dezentralen Statik auf kommunalem und familiärem Fundament.

Eine Stadt in Frankreich, die wir 1984 bei der Auswahl kennenlernten, war schöner als die andere. Aber als St. Amand sich vor unseren Augen bot, war unsere Delegation einfach fasziniert. Ein leichtes Minderwertigkeitsgefühl breitet sich aus. St. Amand war damals nicht nur größer als das noch aufstrebende Nottuln. Es hatte komplette Infrastruktur, Gymnasium, Handel, einfach alles. Aber der unvergessene, noble Bürgermeister Serge Vinçon überbrückte mit seiner liebenswürdigen Art ein jedes Hindernis, bemühte sich sogar, Deutsch zu sprechen – was nie ganz gelang. Er hatte unüberwindliche Probleme mit dem Wort „zwischen“ . . .

Als nach der damaligen Verfassung Chef im Rathaus, hatte ich offiziell die Ehre, in Ausführung des Ratsbeschlusses die Partnerschaftsurkunde zu unterzeichnen. Nicht nur ein Dienstakt. Damals, vor 30 Jahren, begründeten alle Beteiligten, St. Amandois wie Nottulner, die Verschwisterung mit ehrlichem Herzen, das ist wahr. Aus den Begegnungen erwuchs Sympathie, dann Freundschaft. Sogar in dem einen und dem anderen Fall Liebe?

Frankreich, das Land der Rousseau, D‘Alembert, Diderot, Voltaire, Land der Aufklärung, der Schlösser mit unfassbarer Eleganz, der unnachahmlich generösen und liebenswürdigen Menschen. Ein Land, das die Stadt St. Amand sein eigen nennen darf. Wir sind für 30 Jahre mit ihr dankbar. Es ist eine schöne Zeit, in der wir jetzt leben.

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