Erinnerungen an das Kriegsende in Nottuln
Bomber, Bunker, Baracken

Nottuln -

Heinz Böwing aus Stevern erforscht die Geschichte des Lagers Herbstwald in den Baumbergen.

Samstag, 11.04.2015, 11:04 Uhr

Spurensuche in den Baumbergen: Heinz Böwing steht auf einer Treppe. Dieses Fundament ist übrig geblieben aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der Vermessungsbeamte weist darauf hin, dass diese Treppe der Eingang zu einer der acht Großbaracken gewesen ist.
Spurensuche in den Baumbergen: Heinz Böwing steht auf einer Treppe. Dieses Fundament ist übrig geblieben aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der Vermessungsbeamte weist darauf hin, dass diese Treppe der Eingang zu einer der acht Großbaracken gewesen ist. Foto: Daniela Reichert

Der Wind peitscht Heinz Böwing an diesem trüben Aprilmorgen gnadenlos ins Gesicht, als er aus seinem Wagen steigt. Dicke Hagelkörner prasseln auf den Wirtschaftsweg nieder, der vom Stevertal in die Baumberge führt. Es ist ein ungemütlicher, nasskalter Frühlingstag. Niemand ist heute auf dem so stark frequentierten Erholungsweg in den Baumbergen anzutreffen. Heinz Böwing läuft im Schutz der alten Buchen. Nach wenigen Schritten ist er am Ziel: Alte Fundamente, Betonreste und drei verschüttete Stolleneingänge ragen aus dem Vorjahreslaub heraus – gesprengt, zugemauert, eingefallen. Ihre Geschichte dunkel, unaufgeklärt und verschlossen. Bisher.

Heinz Böwing wagt den Versuch einer Rekonstruktion. Seit mehr als drei Jahren beschäftigt sich der 59-Jährige intensiv mit den historischen Überresten. Versucht die Geschichte vor rund 70 Jahren in Einklang zu bringen und Zusammenhänge darzustellen. Im Herbst wird sein Buch „Bomber, Bunker, Baracken – Als der Krieg in die Baumberge kam“ erscheinen.

Die Historie ließ den Vermessungsbeamten nicht mehr los. Böwing drehte die Zeit um 70 Jahre zurück. In seinem Buch bringt er Licht in den dunklen Tunnel der Vergangenheit – in die von Verdrängung geprägte Zeit des Zweiten Weltkrieges . „Ich wollte es einfach wissen“, sprudelt es aus ihm heraus. „Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen. Nichts geschieht ohne Grund in der Geschichte“, betont Böwing, der kurz vor der Vollendung seiner Buches steht.

Er deckt auf: Oberhalb der früheren Nottulner Jugendherberge, dem heutigen Hotel-Restaurant Steverburg, befanden sich acht Großbaracken, zwei Fuhrparkbaracken, eine zentrale Waschbaracke sowie eine sog. „Mädchenbaracke“ an der ehemaligen Jugendherberge für die Luftwaffenhelferinnen. Innerhalb von neun Monaten (Januar bis Oktober 1944) wurden die Baracken laut Böwing fertig gestellt. „Das ganze mit fließendem Wasser und Pumpenhaus. Es wurde eine Ver- und Entsorgung installiert und es gab elektrischen Strom“, klärt der 59-Jährige auf.

Die Bevölkerung im Stevertal hat von dem Bau in den Baumbergen kaum etwas mitbekommen. „Es gibt aber noch einen Zeitzeugen, der gesehen hat, wie Pioniere das Lager ausgebaut haben“, so der Vermessungsbeamte. „Aber mit dem Einzug der Verwaltungsbehörde war alles abgesperrt und militärisch gesichert“, schildert Böwing.

Der Rückblick: Mit dem ersten verheerendem Tagesangriff der Alliierten auf die Stadt Münster 1943 suchten die Befehlshaber der militärischen Verwaltungsbehörde des Wehrkreises VI nach einem bombensicheren Ausweichquartier. Das stellvertretende Generalkommando des VI Armeekorps zog im November 1944 unter dem Decknamen „Lager Herbstwald“ in die Baumberge ein. „Hier fanden keine Kämpfe statt“, erwähnt der 59-Jährige. „Das Lager Herbstwald war ein luft- und bombensicheres Ausweichquartier einer Verwaltungsbehörde, die den Schutz in den Bergen gesucht hat.“

Angst und Schrecken kamen erst nach Ostern 1945 über das Stevertal. Denn: Die alliierten Truppen nutzten die Baracken als Auffanglager für ehemalige Zwangsarbeiter. „Bis August 1945 waren hier bis zu 1450 Menschen untergebracht, vorwiegend Russen und Polen“, erzählt Böwing. „Ihre Rachegelüste waren groß.“ Es wurde geplündert, vergewaltigt, gefoltert und gemordet. „Das ist das schlimmste Kapitel vom Lager Herbstwald. Es hat sich tief in das Bewusstsein eingeprägt.“ Die Menschen in Stevern und in der gesamten Umgebung seien tagtäglich in panischer Angst um Leib und Leben gewesen.

Als einschneidendes Ereignis für das Stevertal bezeichnet Böwing allerdings den Absturz eines amerikanischen Flugzeuges vom Typ B 17 („Fliegende Festung“) 400 Meter südlich der Gastwirtschaft Elfers am sogenannten „Middelsten Weg“. Denn: Damit zog der Krieg in das Stevertal ein. Erst danach wurden die Baracken errichtet.

„Die Menschen in den sogenannten Auffanglagern haben Not, Elend und Rache nach Stevern gebracht“, stellt der 59-Jährige heraus. „Vielleicht wäre das Stevertal sonst eine verschlafene Bauerschaft geblieben, durch die der Krieg gezogen wäre.“

Heinz Böwing stellt klar: „Ich möchte nicht über die Geschichte urteilen. Das steht mir nicht zu. Ich möchte etwas Licht ins Dunkel bringen und Chronist sein.“

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