Erinnern an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938
„Machen wir die Augen auf!“

Nottuln -

In Nottuln ist der Opfer der Reichspogromnacht gedacht worden. Bezüge zur Gegenwart blieben nicht aus.

Dienstag, 10.11.2015, 19:11 Uhr

Auf Einladung von Friedensinitiative und Gemeinde Nottuln fand am Montagabend eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 77. Jahrestages der Reichspogromnacht statt.
Auf Einladung von Friedensinitiative und Gemeinde Nottuln fand am Montagabend eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 77. Jahrestages der Reichspogromnacht statt. Foto: Dieter Klein

Zum 77. Mal jährte sich am Montag (9. November) die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Und wie in den vergangenen Jahren hatten Friedensinitiative und Gemeinde Nottuln zu einer Gedenkviertelstunde eingeladen: zuerst an der Mahntafel an der Aschebergschen Kurie, danach bei den Stolpersteinen vor Haus Faltmann. Eine Routineveranstaltung? Keineswegs. Angesichts vieler schrecklicher Ereignisse heute rund um die Flüchtlingssituation in Deutschland betonten sowohl Bürgermeisterin Manuela Mahnke als auch Jürgen Hilger-Silberberg für die FI die Notwendigkeit des Erinnerns und Mahnens.

Hilgers-Silberberg erinnerte daran, dass zu den Millionen ermordeten Juden auch die 13 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Nottuln gehören. In der NS-Zeit lebten nur noch zwei jüdische Familien hier. Es waren die Familien Gerson und Lippers. Sie mussten am 10. November 1938 – die Pogromnacht fand in Nottuln einen Tag später statt – mit ansehen, wie Schaufenster und Inventar zertrümmert und anschließend das geplünderte Geschäft mit Brettern verschlossen wurde. „Es waren Nottulner, die ihren Mitbürgern Haus und Heimat zerschlugen“, schildert Heimatforscher Hans-Peter Boer in seinem Beitrag „300 Jahre Juden in Nottuln“.

Mit Blick auf die Gegenwart betonte Jürgen Hilgers-Silberberg: „Machen wir die Augen auf. Wieder gibt es Menschen in unserer Gesellschaft, die andere Menschen ausgrenzen, diffamieren, anfeinden, angreifen und mit dem Tode bedrohen. Es brennen Heime, in denen Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Es gibt Anschläge auf Unterkünfte, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Selbst in unserer unmittelbaren Umgebung wurde ein Flüchtling mit Messerstichen niedergestreckt. Zum Glück hat er überlebt.“ Das sei zwar nicht vergleichbar mit dem, was im Nationalsozialismus geschehen ist, dennoch: „Vielleicht kann uns ja die Erinnerung an das, was als ungeheures Unrecht und Verbrechen damals geschehen ist, die Sinne dafür schärfen, dass wir Ungerechtigkeiten und massiven Übergriffen auf Menschen/Flüchtlinge in unserer heutigen Gesellschaft früh, massiv und mutig entgegentreten.“

Ähnlich äußerte sich auch Bürgermeisterin Manuela Mahnke. „Ist dieses Gedenken noch zeitgemäß?“, fragte sie in die Runde, um dann die Antwort selbst zu geben: „Ich sage deutlich Ja, denn nur wenn wir nicht vergessen und uns dieses Verbrechen immer wieder bewusst machen und den nachfolgenden Generationen dies erklären, besteht die Chance, dass so etwas nie wieder geschehen wird.“

Aber in den vergangenen Wochen, den Wochen zwischen „Asylkritik“ auf der einen Seite und „Willkommenskultur“ auf der anderen Seite, zwischen Brandanschlägen und großer Hilfsbereitschaft sei deutlich geworden, dass es noch immer Rassismus in Deutschland gibt.

Die Bürgermeisterin: „Nur im gegenseitigen Verstehen und durch Toleranz dem anderen gegenüber kommen wir zu einem friedlichen Miteinander. Denn wie sagt ein indianisches Sprichwort: Es gibt kein Besser oder Schlechter, nur Unterschiede. Diese müssen respektiert werden, egal ob es sich um die Hautfarbe, die Lebensweise oder die Idee handelt.“

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