Filmemacherin Susanna Wüstneck
„Das war für mich ein großes Glück“

nottuln -

Sie hat die Menschen in der Erstaufnahmeunterkunft in der ehemaligen Nottulner Hauptschule begleitet – mit dem Herzen und mit der Kamera. Jetzt arbeitet Susanna Wüstneck an dem „Keinheimatfilm“.

Samstag, 03.12.2016, 10:12 Uhr

Susanna Wüstneck 
Susanna Wüstneck  Foto: Ulla Wolanewitz

Etwa acht Monate ist die ehemalige Geschwister-Scholl-Schule als Erstaufnahmeunterkunft betrieben worden. Die Filmemacherin Susanna Wüstneck war in dieser Zeit häufig dort zu Gast. Mit dabei war die Kamera als ihr ständiger Begleiter. Mit ihr sammelte sie in dieser Zeit etwa 200 Stunden Filmmaterial. Bei der Ankunft, der Aufnahme, beim Deutschunterricht, im Kontakt mit den Betreuern, der Security, den Helfern und in vielen kleinen traurigen oder erfreulichen Alltagssituationen.

Sie selbst verbrachte dort auch eine Nacht, zusammen mit drei Frauen aus Nigeria , Syrien und dem Irak. Dadurch, dass sich der Aufenthalt für die Flüchtlinge über die zunächst geplanten zwei Wochen auf mehrere Monate ausdehnte, entstand eine große Gemeinschaft. Sozusagen eine kleine Kommune in der großen Kommune Nottuln .

„Teil dieser Gemeinschaft sein zu dürfen, war für mich ein großes Glück. Begegnung ist immer der erste Schritt zum Kennenlernen, zum Verstehen“, sagt die Billerbeckerin, die schon mehrere Filme produziert hat. Voraussetzung sei halt immer, dass ein Vertrauensverhältnis entsteht. Dass Grenzen gewahrt und respektiert werden.

Diesbezüglich bringt sie eine Menge Erfahrung mit, die ihr den Kontakt erleichterten. „Viele Bewohner haben mir sehr schnell ihre Leidensgeschichte erzählt“, berichtet Susanna Wüstneck, die manchmal selber erstaunt war, wie offen ihr die Menschen begegnet sind. Klar, gab es dabei Sprachbarrieren zu überwinden. Aber das Handy und arabisch sprechende Mitarbeiter halfen dabei, wenn es mal irgendwo hakte.

Derzeit beschäftigt Susanna Wüstneck sich damit, den riesigen Fundus an Momentaufnahmen zu sichten, zu schneiden und übersetzen zu lassen. Das Endprodukt ist der „Keinheimatfilm“, der davon erzählt, wie es Menschen aus kriegsgebeutelten Ländern in der Fremde ergeht.

Es liegt auf der Hand, dass sich in diesen Monaten persönliche Freundschaften entwickelt haben, die Susanna Wüstneck rege weiter pflegt. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Günther Leifeld-Strikkeling startete sie am vergangenen Wochenende eine „NRW-Tour“ und holte fünf Kinder aus Köln und dem Ruhrgebiet zu einem Besuch in Nottuln ab. Die Kinder freuten sich über das Wiedersehen und „unterhielten sich unterwegs zunächst auf Deutsch“, stellte Susanna Wüstneck überrascht fest. „Sie sangen deutsche Martins- und Weihnachtslieder, die sie in der Schule schon gelernt hatten.“

Das Paar beherbergte das quirlige Quintett - zur großen Freude der Eltern - bei sich und veranstaltete eine zünftige Weihnachtsbäckerei. Am Abend durften die Kinder schon mal die erste auf zweieinhalb Stunden komprimierte Version des Films anschauen. „Sie saßen alle wie gebannt davor und hatten viel Spaß daran, noch mal in diese Zeit, auf diesen Aufenthalt zurückblicken zu können.“

Unlängst erreichte sie über die sozialen Medien die Mail eines - damals als recht raubeinig bekannten - Security-Mitarbeiters, der ihr gestand: „Das Arbeiten mit den Menschen aus der sogenannten anderen Welt, hat mich sehr zum Nachdenken bewegt. Einige gute Kontakte sind entstanden, andere werde ich wohl nie wiedersehen. In Erinnerung bleibt mir, dass es eine geile, schöne Zeit war. Ein super Abschnitt in meinem Leben.“

Vielleicht war sie ja doch ein kleines Stückchen Heimat, die „Herberge Geschwister Scholl“. Wenn auch nur temporär. Und das nicht nur für die Flüchtlinge.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4474003?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F164%2F4849121%2F4849122%2F
Nachrichten-Ticker