Weltklassik am Klavier: Regina Chernychko
Ganz große Kunst

Nottuln -

Was Regina Chernychko am Sonntag im Rahmen der „Weltklassik am Klavier“ ablieferte, war herausragend. Die Pianistin überzeugte auf ganzer Linie mit ihren „Monumenten der Romantik“.

Montag, 10.04.2017, 16:04 Uhr

Trotz ihrer Schwangerschaft und einer anstrengenden Bahnfahrt zeigte Regina Chernychko ein einzigartige Konzentration und Energie, die das Publikum gefangen nahm.
Trotz ihrer Schwangerschaft und einer anstrengenden Bahnfahrt zeigte Regina Chernychko ein einzigartige Konzentration und Energie, die das Publikum gefangen nahm. Foto: Axel Engels

Solch ein mitreißendes Musizieren auf höchstem künstlerischen Niveau erlebt man wohl nicht alle Tage: Mit Regina Chernychko ging am Sonntag gleichsam die Sonne auf beim Konzert „ Weltklassik am Klavier “ in der Alten Amtmannei. Die sympathische Pianistin bereicherte die Konzertreihe mit ihrer stark gefühlsbetonten Spielweise. Die hoch schwangere Künstlerin hatte bereits fünf Stunden Bahnfahrt hinter sich und spielte trotzdem mit einer Energie und Leidenschaft, als wenn das von ihr zusammengestellte überaus anspruchsvolle Programm mit Monumenten der Romantik „eine Kleinigkeit“ wäre.

Die aus der Ukraine stammende Regina Chernychko steht ganz in der russischen Klaviertradition, ihre Anschlagskultur wurde von Prof. Olga Rissin-Morenova sowie Ralf Gothóni an der HfM Karlsruhe verfeinert. Wichtige Impulse erhielt sie auch durch Jacques Rouvier am Mozarteum in Salzburg. Inzwischen hat sie sich ein ganz eigenes künstlerisches Profil erarbeitet.

Und das spürte man sofort bei der „Klaviersonate Nr. 19 c-Moll D 958“ von Franz Schubert . Diese Sonate zählt zu Schuberts reifsten Werken, spieltechnisch und besonders gestalterisch stellt sie sehr hohe Anforderungen. Regina Chernychko wusste den fast wilden Anfangssatz mit genau der passenden Dramatik zu spielen, bei ihr klangen selbst die heftigen Akkordfolgen nie überzogen kraftvoll. Sehr poetisch gestaltete sie den langsamen Adagio-Satz, dank ihrer sehr differenzierten Spielweise erstrahlte die lyrische Melodie in all ihrer Schönheit über den filigranen Begleitfiguren. Grazie und Eleganz zeigte sie beim Menuetto und ließ beim finalen Allegro-Satz ihrer Spielfreude freien Lauf.

Obwohl Regina Chernychko über große technische Brillanz verfügt, stellte sie ihre Virtuosität immer in den Dienst der Musik, der sensiblen Umsetzung musikalischer Ideen. Das hebt ihr Spiel ab von vielen anderen Pianisten der „jüngeren“ Generation. Sie verdeutlichte mit ihrem wohl akzentuierten Spiel die klangmalerischen Elemente der Musik von Franz Schubert, erinnerte in ihrer Interpretation an den großen Magier des Klaviers, Sviatoslav Richter.

Nach der Pause ging es dann mit den „Variationen auf ein Thema von Corelli op. 42“ von Sergej Rachmaninow in eine ganz späte Phase der Romantik. Dieses aufgrund seiner technischen Anforderungen bei vielen Pianisten „gefürchtete“ Werk aus dem Jahre 1931 muss Regina Chernychko wohl sehr am Herzen liegen. Denn die „La Folia-Variationen“ (das Thema stammt gar nicht von Corelli) erklangen bei ihr mit jederzeit spürbarer Innigkeit und Intensität. Dem Komponisten selber war mit diesem Werk kein Erfolg beim Publikum beschert. Heute erklingt es zwar immer häufiger, doch nur die wenigsten Interpretationen werden dem großen Kosmos der Ausdrucksmöglichkeiten gerecht, mit denen Rachmaninow dieses tänzerische Thema in seinen Variationen verarbeitete. Regina Chernychko wusste mit klangmalerischer Spielweise den Variationen ein jeweils adäquates Gewand zu verleihen und gleichzeitig den inneren Zusammenhang sehr transparent zu verdeutlichen. Das war schon große Kunst, was die junge Musikerin dort auf dem Flügel mit ihrem an Klangfarben reichen Spiel zauberte.

Danach brachte sie noch die Energie auf, die fünf „Morceaux de fantasie op. 3“ mit dem berühmten Prélude cis-Moll zu spielen, sich auch hier kein einziges Nachlassen der Konzentration zu erlauben. Diese Matinee war wie eine Lehrstunde kultivierten Spiels, bei der das Publikum bestens unterhalten wurde.

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