Interview Ulrich Suttrup
„Wie ein Vulkanausbruch“

Nottuln -

Nach 41 Jahren Lehrtätigkeit an der Liebfrauenschule geht Schulleiter Ulrich Suttrup nun in den Ruhestand.

Sonntag, 09.07.2017, 13:07 Uhr

Der Lieblingsplatz von Schulleiter Ulrich Suttrup ist nach wie vor das Klassenzimmer. Die neuen digitalen Unterrichtsmöglichkeiten schätzt er sehr.
Der Lieblingsplatz von Schulleiter Ulrich Suttrup ist nach wie vor das Klassenzimmer. Die neuen digitalen Unterrichtsmöglichkeiten schätzt er sehr. Foto: Ludger Warnke

„Werte – Dialog – Haltung“, das sind drei ganz wichtige Meilensteine für Ulrich Suttrup , den Leiter der Bischöflichen Liebfrauenschule in Nottuln. Schule bedeutet für den 64-jährigen Pädagogen eben nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern vor allem auch die Vermittlung von Werten. Nach 41 Jahren Lehrtätigkeit an der Liebfrauenschule geht der Nottulner mit Ablauf dieses Schuljahres in den Ruhestand. Dass er die Arbeit als Lehrer gerne getan hat, daran besteht kein Zweifel. „Mein Lieblingsplatz in der Schule ist immer noch das Klassenzimmer“, sagt der Nottulner. Die WN-Lokalredaktion sprach mit Ulrich Suttrup über seine Jahre an der Liebfrauenschule.

Erinnern Sie sich an Ihren „ersten Schultag“ – und an den als Schulleiter?

Ulrich Suttrup: Der 2. Februar 1976 war mein erster Schultag in Nottuln, die erste Stunde eine Mathematikstunde in der achten Klasse. Sicher haben die 30 Mädchen und Jungen mich 23-jährigen Neuling zunächst einmal kräftig durchgecheckt, und manchmal werde ich wohl ratlos vor ihnen gestanden haben. Zumindest ist mir in Erinnerung, dass mir diese Klasse zweieinhalb Jahre später bei ihrem Abschluss einen Honigtopf geschenkt hat, weil ich, wie sie sagten, so oft zwei Finger nachdenklich an die Lippen gelegt habe.

Einen ersten Schultag als Schulleiter gab es für mich gefühltermaßen nicht. Schon ab 1998 und dann immer wieder auch über längere Abschnitte hatte ich in Vertretung meiner erkrankten Vorgängerin Schwester Maria Bernardis alle Aufgaben eines Schulleiters kennengelernt. So bin ich auch später nicht aus meinem Büro, in dem ich seit 1991 als stellvertretender Schulleiter gearbeitet hatte, in das vormalige Schulleitungsbüro gewechselt. In Folge dieses gleitenden Übergangs gab es für mich keinen ersten Tag als Schulleiter.

Sind heute noch Kollegen von damals dabei?

Suttrup: Von den Kolleginnen und Kollegen, die mich „Newcomer“ 1976 freundlich-skeptisch aufgenommen haben, ist niemand mehr im Schuldienst. Zuletzt ausgeschieden aus dem Kreis der Kollegen der Anfangszeit ist Reinhold Pottmeier, mit dem ich vom Sommer 1977 bis zum Januar 2016 in fast 40 Jahren zusammenarbeiten durfte. Andere Kolleginnen und Kollegen wären hier ebenso zu nennen, denen ich als Lehrer und Schulleiter sehr viel zu verdanken habe.

Kann man als Schulleiter eigentlich private Kontakte zu einzelnen Lehrern pflegen, ohne in Verdacht zu geraten, parteiisch zu sein?

Suttrup: Diese Frage ist absolut berechtigt. Die ins Private reichenden Freundschaften unter Kollegen und der kollegiale Austausch müssen sorgfältig getrennt werden, der private Kreis könnte sonst leicht als heimliche Schulleitung wahrgenommen werden. Rückblickend kann ich sagen: Ja, es ist uns gelungen, in einem begrenzten Umfang solche Freundschaften zu pflegen. Als Höhepunkte erinnere ich die gemeinsamen Männer-Angeltouren nach Norwegen mit Vätern und Söhnen. Für mich waren und sind diese Freundschaften von allergrößter Bedeutung, denn an der Spitze ist man manchmal doch sehr allein.

Welches persönliche Erlebnis – gut oder weniger angenehm – haben Sie in besonderer Erinnerung?

Suttrup: Wie bei den Schülerinnen und Schülern verbinden sich die Erinnerungen an die Schulzeit zunächst mit Fahrten, angefangen von dem gebrochenen Arm einer Siebtklässlerin nach einem mitternächtlichen Sturz aus dem Hochbett auf der Jugendburg Altena 1978. Die Begegnung mit Papst Johannes Paul II gemeinsam mit Schwester Anneliese Maria auf dem Petersplatz 2002 ist sicher ein unvergesslicher Moment. Wenn ich ein Ereignis nennen soll, das mir seinerzeit große innere Konflikte bereitet hat, dann dieses: In den 70er-Jahren war ich Klassenlehrer einer sechsten Klasse, in der zwei Geschwisterkinder unterschiedlich erfolgreich lernten. Am Ende der Erprobungsstufe mussten diese beiden liebenswerten Menschen ihren Weg an verschiedenen Schulformen fortsetzen. Nicht nur in diesem Fall hat mir das sogenannte „Abschulen“, auch wenn es an unserer Realschule möglichst vermieden wurde, den größten Kummer bereitet. Verständlich, dass der  Wunsch auf Errichtung einer Sekundarschule in Nottuln bei mir auch aus diesem Grund auf offene Ohren gestoßen ist!

Was waren für Sie die Meilensteine in der Geschichte der Schule während Ihrer Zeit als Schulleiter?

Suttrup: Im Jahr 2000 wurde ich mit der kommissarischen Schulleitung beauftragt. Es begann eine sicher herausfordernde und auch erfolgreiche Zeit, denn 2002 feierte die Realschule ihr 100jähriges Bestehen. Das Jubiläum wurde entsprechend groß gefeiert, eine Festschrift wurde geschrieben, eine festliche Soirée gestaltet, ein Schulfest und eine Schulfahrt nach Rom führten die Schulgemeinschaft zusammen. Schon zu Beginn meiner Amtszeit zeigte sich also, was mich bis zum heutigen Tag beflügelt und getragen hat: eine unglaubliche Kompetenz und Einsatzbereitschaft im Kollegium, bei Eltern und Schülern, die das Schulleben zum Erlebnis werden ließen und immer noch lassen. Die Schule wuchs, die baulichen Veränderungen im Bestand genügten nicht mehr. Der nächste Meilenstein war der in den Jahren 2007/8 durchgeführte Architekturwettbewerb. Hier lautete die Aufgabe, das Raumprogramm für eine dreizügige Realschule zu planen. Die Präsentation sehr unterschiedlicher Vorstellungen und spannende Diskussionen führten zu einem überzeugenden Konzept. 2010, nach dem Abriss der Pavillons und des Fachwerkhauses, wurde das Nebengebäude, in dem heute neben vier Klassen die Bibliothek und der Musikraum untergebracht sind, eingeweiht. Damit schien vorerst ein Ziel erreicht zu sein! Doch schon ein Jahr später hieß es wie beim Monopolyspiel: Zurück auf Los! Denn 2011 begannen die Planungen für die Sekundarschule, und dabei ging es um viel mehr als um gelungene Architektur. Wir haben jetzt im Jahr 2017 ein kleines Büchlein gestaltet; es knüpft an die Festschrift 2002 „100 Jahre Liebfrauen-Realschule“ an und lässt die seither vergangenen 15 Jahre noch einmal erlebbar werden. Wir freuen uns über Interessenten, sie können das Buch gegen eine geringe Schutzgebühr von fünf Euro im Schulsekretariat erhalten.

Wie haben Sie die Umgestaltung zur Sekundarschule erlebt?

Suttrup: Die Umgestaltung der Schullandschaft in Nottuln möchte ich beinahe mit einem Vulkanausbruch vergleichen. Die landesweit sinkenden Anmeldezahlen an den Hauptschulen hatten zunächst zu massivem Druck geführt. Der sogenannte Schulkompromiss 2011 löste dann eine Eruption aus. Die Geschwister-Scholl-Schule – allseits anerkannt wegen ihrer erfolgreichen pädagogischen Arbeit – verschwand im Krater, und die Liebfrauen-Realschule fand sich unversehens am Rand des Kraters wieder. Damit die damit verbundenen Herausforderungen gemeistert und neue Entwicklungen erfolgreich umgesetzt werden konnten, musste die Schule sich völlig neu aufstellen. Zugleich mussten die verbleibenden Realschuljahrgänge so, wie Generationen zuvor, qualifiziert zum Realschulabschluss geführt werden. Beide Aufgaben wurden in meinen Augen äußerst erfolgreich gemeistert. Hier möchte ich zunächst und vor allem den Kolleginnen und Kollegen danken, die sich den Herausforderungen des integrierten Schulsystems mit Leidenschaft gestellt, ihr Wissen und Können erweitert und eine Sekundarschule gestaltet haben, die im Ort und darüber hinaus Anerkennung gefunden hat. In diesen Dank möchte ich ausdrücklich auch den Schulträger und die politische Gemeinde einbeziehen. Gleichzeitig muss ich aber betonen, dass noch viel zu tun bleibt.

Gerade haben wir 89 Realschülerinnen und -schüler mit dem mittleren Bildungsabschluss entlassen. Alle haben einen Schul- oder Ausbildungsplatz. Viele Erlebnisse haben diesen Jahrgang nicht nur auf den Fahrten zusammengeschweißt, und die fröhliche Atmosphäre bei den festlichen Anlässen im Zusammenhang mit der Verabschiedung bleibt unvergesslich. Realschüler? Sekundarschüler? Diese Frage stellte sich im gelebten Schulalltag überhaupt nicht; alle waren, sind und bleiben Liebfrauenschüler!

Wie sehen Sie die Zukunft der Schullandschaft in Nottuln?

Suttrup: Prognosen im Bildungsbereich sind immer schwierig; lokale Bedingungen ergeben sich vor allem aus dem politischen Rahmen, der in Düsseldorf oder auch in Berlin definiert wird. Zudem wird der wirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Wandel großen Einfluss auf die Schullandschaft haben. Nach heutigen Maßstäben ist Nottuln mit dem Rupert-Neudeck-Gymnasium und der Liebfrauenschule als „Schule für alle“ sehr gut aufgestellt. Für das Gymnasium wünsche ich mir, dass es endlich auch in Appelhülsen die Akzeptanz findet, die es verdient, und so stabile Schülerzahlen erreicht.

Was wünschen Sie sich für „Ihre“ Schule?

Suttrup: Die Liebfrauenschule muss wieder zur Baustelle werden, denn die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs 2008 sind durch den Schulformwechsel überholt, und ich wünsche mir, dass schon sehr bald die baulichen Voraussetzungen für das vollständige Unterrichtsprogramm einer Sekundarschule geschaffen werden. Nachdenklich gemacht haben mich die eindeutigen Zahlen, aus denen der unglaublich schnell wachsende Bedarf an Ganztagsbetreuung in den Kindertagesstätten hervorgeht. Darauf aufbauend werden vermutlich zunächst die Grundschulen, dann auch die weiterführenden Schulen prüfen müssen, welche weitergehenden Betreuungsangebote den Familien gemacht werden müssen. Hier gilt es, den Gesprächsprozess zwischen allen beteiligten Gruppen zu moderieren. Auf meinen designierten Nachfolger als Schulleiter, Herrn Willenborg, wartet hier eine große Herausforderung. Sowohl aufgrund seiner Erfahrungen als didaktischer Leiter beim Aufbau der Sekundarschule als auch aufgrund des über Jahrzehnte erlebten konstruktiven Miteinanders von Schülern, Eltern und Lehrern der Liebfrauenschule bin ich absolut sicher, dass die nächsten erforderlichen Schritte bei der Schulentwicklung erfolgreich getan werden. Letztlich wünsche ich mir, dass unsere Schule weiterhin jedes einzelne Kind im Blick hat. Ein Erlebnis dazu: Im Anfangsjahrgang der Sekundarschule haben wir 2012 ein Drillingspaar aufgenommen, Kinder, die laut ihrer Grundschulgutachten im dreigliedrigen Schulsystem drei verschiedene Schulformen hätten besuchen sollen. Jetzt wechseln die drei in den 10. Jahrgang der Sekundarschule. Sie wurden individuell gemäß ihren Begabungen gefördert und gehen ihren je eigenen Weg – gemeinsam in Verschiedenheit.

Haben Sie schon Pläne für den Ruhestand?

Suttrup: Bis jetzt und bis zum Sommerurlaub Anfang August nur den einen: nämlich den, keine Pläne zu machen! Ich freue mich wirklich darauf, zunächst eine Zeit zu erleben, in der ich aus dem Tretrad, das eine solche Aufgabe auch ist, heraustreten kann. Dann werde ich schauen, welche der Möglichkeiten, die ich in den vergangenen Jahren nicht so leben konnte wie ich wollte, nach und nach Zeit und Raum einnehmen werden. Eine Chance werde ich definitiv ergreifen: mehr Zeit für meine Familie haben! Angefangen bei meinen Eltern, die, und darüber freue ich mich besonders, auch zu meiner Verabschiedung kommen werden.

Meine Frau und ich freuen uns darauf, bald außerhalb der Ferienzeiten reisen zu können, und auch für unsere drei Kinder werde ich mehr Zeit haben. Und vielleicht bin ich dann gelegentlich donnerstags auf dem Wochenmarkt anzutreffen, kaufe und genieße, erfreue mich am neu gestalteten Dorfkern und denke: Jetzt bin ich im Ruhestand angekommen.

Zur Person

Ulrich Suttrup ist am 18. September 1952 in Lüdinghausen geboren. Nach dem Abitur 1971 studierte er von 1971 bis 1974 an der Pädagogischen Hochschule in Münster und absolvierte danach seine Lehramtsanwärterzeit in Emmerich. Seit Februar 1976 ist Suttrup Lehrer an der Liebfrauenschule in Nottuln und unterrichtet die Fächer Mathematik und Katholische Religion. Mit Wirkung zum 1. Juni 2002 übernahm er die Leitung der Liebfrauenschule. Ulrich Suttrup ist verheiratet, Vater dreier Kinder und lebt in Nottuln.

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Verabschiedungsfeier

Nach 41 Jahren als Lehrer an der Liebfrauenschule Nottuln geht Schulleiter Ulrich Suttrup mit Schuljahresende in den Ruhestand. Am Mittwoch (12. Juli) findet die offizielle Verabschiedungsfeier statt. Beginn ist um 9.30 Uhr mit einem Wortgottesdienst in der St.-Martinus-Kirche. Hierzu sind alle eingeladen, die sich mit der Schule und dem Schulleiter verbunden fühlen. Für die Gottesdienstbesucher wird der an der Stiftsstraße liegende Kirchplatz als Parkplatz geöffnet. Nach dem Gottesdienst folgt ein Festakt im Zentrum der Liebfrauenschule – wegen der beengten Platzverhältnisse aber nur für geladene Gäste.

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