Die Geschichte einer Flucht
Von Ziegenhals nach Nottuln

Nottuln -

Paul Semtner hat vor vielen Jahren in Nottuln eine neue Heimat gefunden, arbeitete als Lehrschreiner im Martinistift. Nun nach seinem Tode hat seine Tochter Claudia Stimmel Aufzeichnungen über die Flucht ihres Vaters aus Schlesien gefunden. Ein berührendes Schicksal.

Sonntag, 12.08.2018, 15:22 Uhr

Der kleine Paul Semtner mit seinem Vater vor dem Haus in Ziegenhals. Der Vater, bereits in Uniform, muss in den Krieg. Paul und seine Mutter sind, als der Junge 13 Jahre alt ist, gezwungen, die Flucht ohne den Vater antreten. Auch von den beiden älteren Geschwistern Pauls werden sie getrennt. Der Bruder ist im Krieg, die Schwester bei einer anderen Familie in Anstellung.
Der kleine Paul Semtner mit seinem Vater vor dem Haus in Ziegenhals. Der Vater, bereits in Uniform, muss in den Krieg. Paul und seine Mutter sind, als der Junge 13 Jahre alt ist, gezwungen, die Flucht ohne den Vater antreten. Auch von den beiden älteren Geschwistern Pauls werden sie getrennt. Der Bruder ist im Krieg, die Schwester bei einer anderen Familie in Anstellung. Foto: Sammlung Claudia Stimmel

Paul Semtner hat lange gezögert, aber dann hat er die Geschichte seiner Flucht aus Schlesien zu Papier gebracht. 40 Jahre danach, im Herbst des Jahres 1985, hat der Nottulner seine Erinnerungen anlässlich des Martinstages im Martinistift niedergeschrieben, wo er als Lehrschreiner tätig war. Damals wollte Paul Semtner den Jungen in der Einrichtung zeigen, was es heißt, füreinander da zu sein. An Aktualität haben diese Aufzeichnungen auch weitere 33 Jahre später nichts verloren. An vielen Orten der Welt tobt der Krieg. „Und die Lage der Flüchtlinge ist heute nicht anders als damals auf dem Güterzug, der mit den Deutschen nach dem verlorenen Krieg gen Westen fuhr“, sagt Claudia Stimmel. Die Nottulnerin ist die Tochter von Paul Semtner und hat die Aufzeichnungen nach dessen Tod im März dieses Jahres gefunden.

1932 geboren, lebte der kleine Paul mit seinen Eltern und seinen zwei älteren Geschwistern im schlesischen Ziegenhals (Głuchołazy). Als er 13 Jahre alt war, der Vater war im Krieg, mussten er und seine Mutter fliehen. Denn obwohl die Propaganda immer noch vom großen, deutschen Endsieg kündete, rückte die russische Front immer näher. Und dann war es soweit. „Am 19. März 1945 erreichte uns das Schicksal“, schreibt Paul Semtner. „Die russischen Truppen hatten die deutsche Verteidigungslinie durchbrochen und standen kurz vor unserer Stadt. Die ersten Panzer waren schon auf Sichtweite herangekommen. Unter dem Beschuss der feindlichen Panzer und Geschütze mussten wir zu Fuß aus der Stadt fliehen, nur das Notwendigste auf einen Handkarren gepackt. Ein Leidensweg begann, der letztlich noch über ein Jahr dauern sollte.“

In einer kleinen Gruppe von ungefähr 20 Personen flohen Mutter und Sohn – Pauls Bruder war wie der Vater im Krieg, die Schwester in einer Anstellung – die Familie wurde auseinandergerissen. Die Flüchtlinge verbrachten die Nächte in verlassenen Bauernhöfen oder Scheunen, zogen im Schutz der Dunkelheit weiter, um vor den feindlichen Tieffliegern sicher zu sein.

In einem kleinen Dorf hinter der Grenze zum Sudetenland fanden sie bei einer Bauersfrau eine vorübergehende Bleibe. „Der Ort lag abseits der großen Verkehrswege, daher blieben wir von dem Durchmarsch der russischen Truppen verschont. Hier erreichte uns auch im Mai 1945 die Nachricht der endgültigen Kapitulation der letzten deutschen Streitkräfte. Der Krieg war vorbei, aber unsere Heimat war von den Russen besetzt.“

Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, zogen die Flüchtlinge zurück nach Ziegenhals. Die Häuser standen noch, aber Lebensmittel gab es nicht. „Der Hunger war groß, und wir mussten Felder und Gärten nach etwas Essbarem absuchen. Wir sammelten Getreideähren, deren Körner wir auf einer Schrotmühle gemahlen und aus dem Mehl kleine Pfannkuchen gebacken haben. Die ausgesiebten Kleien wurden geröstet und als Kaffeemehl verwendet. Not macht erfinderisch.“ Die Hoffnung auf Besserung blieb.

Im Sommer 1945 zogen die Russen ab, „und wir glaubten, wir könnten aufatmen und wären wieder frei“. Doch die Siegermächte hatten Schlesien den Polen zugeteilt, und unter diesen wurde das Leben wesentlich schwerer, notierte Paul Semtner. „Die Übergriffe auf die Bevölkerung nahmen zu. Verhaftungen und Plünderungen begannen.“

Anfang September 1945 wurde ein – wie sich später herausstellte – von Polen gelegter Brand den Deutschen angelastet. Ein willkommener Anlass, sie wegzuschaffen. „Wir erhielten die Aufforderung, unsere Häuser bzw. Wohnungen binnen 20 Minuten mit höchstens 10 Kilo Handgepäck zu verlassen.“ Schätzungsweise 500 Menschen wurden zusammengetrieben, mussten den ganzen Tag auf einem großen Platz ausharren. In der Dunkelheit wurden sie dann in einen eh schon mit Menschen vollgestopften Güterzug gepfercht und Richtung Westen abtransportiert.

„Mit 75 Personen in einem Güterwagen konnten wir weder sitzen noch liegen. Es war ein sehr langer Zug. Man sagte, dass sich wohl über 3000 Menschen in diesem Transport befänden. Die Männer wurden getrennt von den Frauen und Kindern transportiert, und der Zug fuhr unter der strengen Bewachung der polnischen Miliz. Zu essen gab es nichts. Viele Menschen starben. Einmal am Tag wurden die Waggons geöffnet und von den begleitenden Polizisten, die Maschinengewehre trugen, umstellt. Zuerst mussten die Toten in Decken gehüllt aus den Wagen geschafft und verscharrt werden. Dann durften wir uns von der Lokomotive einen halben Liter Wasser, die tägliche Ration, aus dem Schlepptender holen. Danach wurden wir wieder in die Wagen getrieben, und der Zug fuhr weiter.“

Während eines Stopps gelang der Mutter und Paul die Flucht. Sie liefen um ihr Leben und erreichten die Stadt Striegau, inzwischen ca. 140 Kilometer von Ziegenhals entfernt. Die beiden Flüchtlinge erbettelten ein paar Stücke Brot, die erste Nahrung nach zehn Tagen. „In der Nacht wurden wir von einer deutschen Familie aufgenommen. Glücklicherweise war diese Familie nicht nur bereit, uns zu beherbergen, sondern auch, das wenige Essen, was sie hatten, mit uns zu teilen.“

Am nächsten Morgen zogen sie zu Fuß zurück Richtung Ziegenhals, kamen dort bei Verwandten unter (das eigene Haus wurde inzwischen von Polen bewohnt). Geld hatten sie nicht. „Um überleben zu können, suchten wir die bereits abgeernteten Kartoffelfelder nach liegengebliebenen Kartoffeln ab. Dabei durften wir uns nicht erwischen lassen, denn dann wurde uns unsere magere Ernte wieder abgenommen. Der tägliche Hunger war unerträglich.“

Schließlich bekam der junge Paul eine Arbeitsstelle bei einem polnischen Treuhänder. „Ich arbeitete sechs Tage wöchentlich für gerade einmal 85 Zloty. Ein Brot kostete immerhin bereits 75 Zloty. So konnten wir uns aber wenigstens ein Brot pro Woche und etwas Salz kaufen. An Butter oder Fleisch war aber gar nicht zu denken.“ Hunger, Angst und Sorgen zum Trotz hofften sie weiter auf Besserung.

Doch dann der nächste Schock: „Eines Abends im Juni 1946 erreichte uns abermals die unwiderrufliche Aufforderung der polnischen Miliz, unsere Wohnungen bis morgens 5 Uhr zu verlassen. Diesmal sollte der ganze Stadtteil ausgesiedelt werden. Es war eine panikartige Nacht. Wir packten die wenigen Sachen, die wir noch hatten, in einem Wäschekorb zusammen und begaben uns zu dem befohlenen Termin voller Ungewissheit auf die Straße.“

Auf Lkw ging es in ein Auffanglager nach Neiße, von dort mit dem Güterzug über Frankfurt/Oder ins Durchgangslager Uelzen. Von hier aus kamen Semtners nach Warendorf. „In einem ehemaligen Arbeitsdienstlager verbrachten wir die Pfingsttage in banger Erwartung. Von hier aus wurden wir auf verschiedene Bauernhöfe im Münsterland aufgeteilt, die Behörden ordneten das einfach an. Keiner wurde gefragt.“

Paul und seine Mutter hatten Glück, sie kamen auf den Hof Göcke. „Die Aufnahme, die wir hier fanden, war für uns überwältigend. In einem Zimmer war für uns ein reich gedeckter Tisch hergerichtet, mit Kaffee, Weißbrot und Schinken. Wir konnten es kaum fassen. Alles, wovon wir in den letzten Jahren geträumt hatten, stand vor uns. Zudem brachte man uns ein herzliches Verhalten und Vertrauen entgegen, was vor dem Hintergrund unseres Erscheinungsbildes und der Tatsache, dass unsere Aufnahme eine behördliche Anordnung war, wirklich nicht selbstverständlich war. Wir waren zerlumpt, ausgehungert, ungewaschen und körperlich und psychisch am Rande unserer Kraft. Dennoch wurden wir ohne jegliches Vorurteil regelrecht in das Familiengeschehen auf dem Hof mit einbezogen. So schafften es diese einfachen Bauersleute, dass wir die entbehrungsreiche Zeit allmählich vergessen konnten. Sie haben uns den Glauben an das Gute im Menschen zurückgegeben!“

Semtners haben zunächst im Haus der Göckes mitgewohnt, später bekamen sie dann ein eigenes Holzhaus auf dem Gelände. Zwei Jahre später fand Vater Semtner Frau und Sohn wieder, auch Pauls Geschwister fanden den Weg, sodass die Familie das große Glück hatte, wieder zusammenzukommen. Paul lernte seine spätere Frau Mechthild kennen, deren Vater, der auch zunächst noch im Krieg vermisst war, eine Schreinerei betrieb. Paul ging hier seinem Beruf als Schreiner nach, später übernahm er die Schreinerei, gab sie dann auf und wechselte ins Martinistift als Lehrschreiner. Die Integration gelang gut, auch weil Paul Plattdeutsch sprechen lernte, scherzhaft „der plattdeutsche Schlesier“ genannt wurde.

Paul Semtner hat notiert: „Niemand, der dieses Leid und Elend nicht selber erlebt hat, wird wirklich verstehen, welche Auswirkungen diese Zeit auf die Betroffenen hatte. Und genau deshalb wiederholen sich ähnliche Schicksale und Situationen aktuell in vielen Ländern der Erde, auf dass die Menschen erst daraus lernen werden, wenn es zu spät ist.“

Zum Thema

Nachdem sie bereits 2016 einen Roman unter dem Pseudonym Florentine Steigenberger geschrieben hat, hat Claudia Stimmel nun die Erinne­rungen ihres Vaters in einer Fortsetzung verarbeitet, die im Manuskript fertig ist und demnächst unter dem Titel „Ein Stück Unendlichkeit“ veröffentlicht wird.

...
Anzeige
Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5970177?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F164%2F
Das perfekte Dinner: Nachtisch-Fluch mit Happy End
V.l.: Filippi, Eduardo „Eddi“, Hanni, Gastgeberin Eva und Claus
Nachrichten-Ticker