Familie zieht Rehkitz auf
Rudi stellt den Alltag auf den Kopf

Nottuln -

Rudi hat die Herzen der Familie Glose auf dem Baumberg erobert. Und die hat dem Rehkitz das Leben gerettet.

Freitag, 31.08.2018, 22:00 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 31.08.2018, 22:00 Uhr
Haben Rudi aufgepäppelt: Karin und Hans Glose.
Haben Rudi aufgepäppelt: Karin und Hans Glose. Foto: Stephanie Sieme

Im Affentempo saust er durch die Wiese, bleibt abrupt stehen, schnuppert an Äpfeln und Pflaumen, die auf dem Boden liegen. Er hüpft und tollt herum – wie ein kleines Kind. Und das ist Rudi quasi auch. Drei Monate alt ist das Böckchen, wiegt sechs bis sieben Kilo und hat das Leben von Familie Glose auf dem Baumberg komplett auf den Kopf gestellt. Das Kitz ist der neue Mitbewohner von Hans, Karin, Lucas und Sina.

Alle Vier kümmern sich liebevoll um das Tier. Mit Herzblut. Im Stall haben sie für das Kitz einen wahren kleinen Wald zum Wohlfühlen aufgebaut – mit Ästen, Laub, einer Grasnarbe, Heu vom Nachbarn und Erde. „Kitze müssen beim Fressen auch Erde aufnehmen, sonst bekommen sie Durchfall“, erklärt Hans Glose, der selber Jäger ist. Sie trocknen sonst aus, können daran sterben. In seinem eigenen kleinen Wald kann sich Rudi auch nach Herzenslust verstecken. „Und das macht er auch“, sagt Karin Glose. Auslauf hat er in der Wiese drumherum.

Vor drei Monaten hat Rudi bei den Nottulnern eine neue Bleibe gefunden. Das Muttertier, die Ricke, hat eine Zwillingsgeburt nicht überlebt. „Genauso wie das Geschwisterkitz“, erzählt Hans Glose, der das Revier, in dem die tote Ricke gesichtet wurde, betreut. „Es wurde bei uns gemeldet – auch, dass ein Kitz dort rumlaufen, seine Mutter suchen und fiepen würde. Ich bin hingefahren und habe das Kitz gesucht, aber es nicht gefunden. Ich wollte gerade wieder weg, da stand das Kitz direkt bei mir am Fuß.“ Wie ein Hund sei es hinter ihm her gedackelt. „Ich sage immer, Hans hat nicht Rudi gefunden, sondern Rudi Hans“, schmunzelt Karin Glose.

Der Nottulner hat das Tier daraufhin mitgenommen. 1400 Gramm hat es gewogen, war erst ein paar Stunden alt. „Das Gewicht ist bei Zwillingskitzen normal. Einzelkitze wiegen nach der Geburt rund 1800 Gramm. Drillingskitze liegen bei 1000 bis 1100 Gramm“, so der Jäger. Hätte der Nottulner das kleine Tier nicht mitgenommen, hätte es keine Überlebenschance gehabt.

Seitdem wird Rudi gehegt und gepflegt – was gar nicht so einfach ist. Denn die Aufzucht eines Rehkitzes erfordert Zeit und Geduld. „Wir haben alle gemeinsam recherchiert, wie man ein Kitz aufzieht“, erzählt Karin Glose. Im Internet haben sie sich schlau gemacht. Bei einer Aufzuchtstation sind sie fündig geworden. Dort gab es Tipps für die Versorgung von Rehkitzen. Das Abenteuer konnte beginnen. „Ziegenmilch ist das Beste“, so die Nottulnerin. „Die nächste Ziegenfarm ist allerdings in Haltern.“ Anfangs sind sie wöchentlich dorthin gefahren. Alle zwei Stunden musste Rudi in den ersten Wochen gefüttert werden. Tag und Nacht. Mit Hilfe einer kleinen Spritze.

„Alle haben sich gekümmert und abgewechselt“, erzählt Karin Glose. „Wir haben Höhen und Tiefen mit ihm erlebt.“ Todkrank sei das Kitz zwischendurch geworden. „Wir haben gedacht, dass er es nicht schafft“, so Karin Glose. „Aber er hat die Kurve gekriegt.“

Nun bekommt Rudi neben der Ziegenmilch noch andere Leckerbissen – unter anderem auch Löwenzahn, Haferlocken, Sauerampfer und verschiedene Kräuter. „Und Rosenblätter. Die liebt er wie verrückt. Das ist eine Delikatesse“, berichtet Karin Glose.

Ein Kitz zu ernähren, das ist gar nicht so einfach. Rehe sind wählerisch bei der Nahrungsaufnahme. Auch an einer falschen Ernährung können sie sterben. Und wenn sie nicht genug Ruhe bekommen.

Familie Glose hat bei der Entwicklung des Böckchens richtig mitgefiebert. „Wir haben uns über jedes Gramm Gewichtszunahme gefreut“, so Karin Glose. Denn: Pro Tag sollen Kitze zwischen 100 bis 120 Gramm an Gewicht zulegen. „Die Freude war auch groß, als er durchgeschlafen hat.“ Das war nach rund acht Wochen.

Die Familie hat das Böckchen auch kastrieren lassen – natürlich altersgerecht. Das hat einen Grund: „Wenn Böcke geschlechtsreif werden, dann werden sie aggressiv. Das ist aber nur bei der Flaschenaufzucht so. Wenn sie kastriert sind, schieben sie kein Gehörn“, so Hans Glose.

Mittlerweile ist Rudi nicht nur größer und agiler, sondern auch deutlich zutraulicher geworden. Auch Schmuseeinheiten sind zwischendurch mal nötig. Bei Menschen, die er nicht kennt, fremdelt er etwas. Trotzdem kommt er ganz vorsichtig angelaufen, will die Kamera in der Hand, mit der beim Pressetermin Fotos gemacht werden, unter die Lupe nehmen und schnuppert an den Beinen. Eine kurze Bewegung, und der Kleine springt zur Seite und flitzt wieder davon.

Die Familie ist nun auf der Suche nach einem neuen Zuhause für Rudi. Ausgewildert werden kann das Böckchen nicht. Es ist zu zutraulich, hat die Angst vor Menschen verloren. „Wer ihn pflegen und ihm ein schönes Zuhause bieten möchte, kann sich gerne melden. Uns liegt es am Herzen, dass es ihm gut geht, dass er Auslauf hat, alt und nicht bejagt wird“, betont Karin Glose. Wer Interesse hat, kann sich bei der Familie unter ✆ 0 15 16/ 2 65 58 60 melden.

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